Die Alpenrose ist ein Paradebeispiel für einen Stil, der biologische Produkte und verklärte Heimat vermählt.
Abend, zehn vor zehn, telefoniere ich der Alpenrose, in der man sonst nienienie spontan einen Tisch erhält. Aber es ist ein Notfall, ich bin kurz vor dem Unterzuckerungstod. Aus der Alpenrose kommt die Order, man solle sich in fünf Minuten einfinden, da nach zehn Uhr von der Küche keine Hauptgerichte mehr in Angriff genommen würden. Kommt mir sehr gelegen, ich bin in den 80er Wirren sozialisiert und will alles immer subito. Sofort. Jetzt. WE WANT THE WORLD AND WE WANT IT NOW! Wobei man mit fortschreitendem Alter schon ganz zufrieden ist, wenn man NOW bloss einen Bestandteile der WORLD ergattert. Etwa einen bedienten Tisch, eine Flasche Roten und ein anständig zubereitetes Stück von einem toten Tier.
Die Alpenrose ist ein konsequentes Retrorestaurant für Schweizer Küche. Alles ist auf alt gemacht, das Ding ist eine in Holz gehaltene gemütliche Stube, und mit Frohlocken lese ich ein altes Schild, das „Hüpftanz“ verbietet.
Natürlich ist das Hüpftanz-Schild aufgehängt in ironischer Komplizenschaft mit dem Publikum. Ich dagegen bin inzwischen ein derart verstockter Restaurantsmusik-Hasser, dass ich beistimmend denke: Kein Hüpftanz! Kein Polka! Keine Handörgerli! Keine Mundart-Songs! Keine dezente Bar-Musik! Nicht mal Rundfunk.fm. Nix! Gar nix, jawoll! Ruhe im Karton!
Die Weinkarte ist nach Weingütern organisiert, alles stammt aus der Schweiz. Womit ich überfordert bin. Ich trinke gerne schwere Brummer aus dem Süden Italiens, aus Argentinien und Südwestfrankreich. Kenne mich also bei den Helvetern nicht aus, will abends keinen leichten Landwein, sondern eine Keule. Ich lande bei „Scala“ aus 80 Prozent Merlot und 20 Prozent einer abenteuerlichen Beimischung aus Sauvignon, Cabernet Franc, Petit Verdot und Malbec. Wahrscheinlich gab das Stichwort Malbec den Ausschlag, die Flasche zu bestellen, die mich in ihrer Komplexität begeisterte.
Keinen bleibenden Eindruck hinterliess ein Nüsslisalat. Meinen Notizen entnehme ich, dass ich ihn als „so so la la“ abqualifizierte. An was ich mich erinnere, ist seine Beschreibung. „Freiland Nüsslisalat vom Jean Helvetiaplatz mit Muotathaler Urwaldschinken Metzgerei Heinzer, und Tessiner Honigvinaigrette.“ Kein Scheiss, das steht wirklich so da. Doch! Ich kann’s beweisen:
Ich dachte über „Freiland Nüsslisalat“ nach. Im Gegensatz zum „Käfighaltung-Nüsslisalat“. Wenn der Nüsslisalat besonders lieb ist, dann gräbt der Jean Helvetiaplatz ihn auch einmal aus und nimmt ihn auf den Sonntagsspaziergang mit. Das gibt dann den etwas teureren „Freiland Nüsslisalat mit Auslauf“. Vom Jean Helvetiaplatz. Dass in Muotathal die Hinterwäldler hausen, versteht sich für einen arroganten Städter wie mich von selbst. Dass es dort aber einen „Urwald“ geben soll, scheint mir doch eine gewagte Behauptung. Es sei denn, der Schinken stamme von einer Sau, die noch vor der letzten Eiszeit in eine Gletscherspalte gefallen und à la Ötzi konserviert wurde. Schlimmer als bei Grossverteiler-Metzgereien wäre das auch nicht.
Die Begleitung bestellt Fisch. Genauer: „In Butter gebratene Zürichsee Felchenfilet vom Fischer Ruf, ins Netz geschwommen Nähe Halbinsel Au, Zitronen, Grünem BIO Gemüse und Zürcher Kartoffelgratin von BIO Agria“.
Die Zitronensauce ist exquisit und die Felchenfilet munden vorzüglich, obwohl ich finde, sie könnten einen Tick fester in ihrer Konsistenz sein. Was mich aber darüber hinaus beschäftigt: Der Speisekarten-Text. In der Nähe der Halbinsel Au also, sind die Felchenfilets gemäss ihrer Bestimmung ins Netz geschwommen. Das klingt schon sehr idyllisch. Gott sei Dank bin ich kein Tieranwalt. Sonst müsste ich energisch aufschiessen und „Einspruch, Euer Ehren“ durch die Alpenrose donnern. „Bevor mein Mandat mit scharf geschliffenem Instrument vom Felchen zum Filet verwandelt worden ist, wurde er mit einer heimtückischen Vorrichtung aus kaum sichtbaren Netzfäden eingefangen. Er kämpfte gegen seinen Tod, war gepackt von panischer Angst, Angst um Leib und Leben, sein einziges Leben, dass ihm in der Nähe der Halbinsel Au genommen werden sollte von einem Subjekt namens Ruf, das mit Netzen, den Batteriehaltungskäfigen der Gewässer hantiert!
Weil ich kein Tieranwalt bin, bestelle ich „In Butter gebratenes Lammhüftchen aus dem Ofen (30.Min) mit Tessiner Knoblisause geschmort, mit BIO Gemüse und Zürcher Kartoffelgratin von BIO Agria aus Katrin und Esthers Gärtli.“
Das Gericht ist ein Glücklichmacher, besonders die Knoblisauce tut es mir an, und das einzige, was ich zu bekritteln hätte, gerne hätte ich noch mehr Sauce gehabt. Ich weiss ja, dass man Supplements bestellen kann, aber bis die kommen, bin ich in der Regel schon beim Digestif. Und ausserdem beim Diminutiv. Lammhüftchen! Kartoffelgratin aus Katrin und Esthers Gärtli. Und wenn das Lammhüftchen einmal nicht mehr richtig funktioniert, dann fordere ich als Tiermedizinanwalt eine Lammhüftchen-Operation, notfalls auch ein künstliches Lammhüftchen-Gelenk, das durch zu setzen ich auch gegen den Widerstand der Krankenkassen-Lobby gewillt bin.
Das Eigentümliche dieser BIO-zurück-zu-den-guten-alten-Zeiten-Sprache ist das Verniedlichende und Heimattümlerische. Würde man eine Kartoffel in den Gratin schmeissen bzw. sie in der Karte anpreisen, käme sie nicht aus „Katrin und Esthers Gärtli“, sondern aus einem Biobetrieb, der „Dragan Mirkovic's Superpotatoefarm, Schlieren“ hiesse? Und liesse sich dieser Hang, alles und jedes spezifisch zu benennen nicht auch noch weiter treiben?
Liebe Alpenrose, für Lammhüftchen und ein Fläschchen Scala wäre ich bereit Eure Speisekarte konsequent auf dem eingeschlagenen Weg weiter zu treiben.
Etwa so:
„In Butter, gemacht aus Milch von den Kühen Elsa und Esther, die auf der Alp Brandrode direkt über der Urwaldgrenze leben, brät Küchenchefin Tonia (ausser am Mittwoch und jeden zweiten Freitag, wenn Melchior brät), jedenfalls brät in der Butter ein nummeriertes und mit Namen des glücklichen Kälblis versehenes Lammhüftchen, gekauft vom Pierre Turbinenplatz, grossgezogen auf Markus Heimatli, Wallisellen, im Öfeli geschmort bei einem Temperatürli von 30 Grad, mit einem BIO Rübli von Lukrezias Marktwägeli und einem BIO Kartöffelli nach Nieder-Walliseller Tradition gegart und so weiter und sofort.“
FAZIT: Gut gegessen, gut getrunken
KÜCHE: Schweizer Tradition
SERVICE: Schnell und aufmerksam
AMBIENTE: Angenehm ruhig, gemütliches Retrorestaurant
PUBLIKUM: Urbane Klientel, alternativ angehaucht
BESONDERES: Für Leute mit einem Flair für Texte ist die Speisekarte ein Brüller
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