«Wir lassen noch nicht die Sektkorken knallen»

Marie-José Wolf von der IG Hardturm hat sich erfolgreich für die durchgehende Beibehaltung des 17er Trams eingesetzt. Macht das Mut für die Zukunft? Auf jeden Fall meint sie, doch als nächstes gilt es abwarten und hoffen.

An der Petitionsübergabe waren einige skeptisch, dass der Stadtrat einlenkt. Nun hat er es doch getan – haben Sie das erwartet?

Erwartet nicht, aber rund 9000 Unterschriften waren eine unüberhörbare Botschaft. Auch die Entwicklung beim Tram 2 gab Anlass zur Hoffnung, dass langsam die Einsicht geboren wurde, dass man nicht einfach Linien planen kann, bei denen das Bedürfnis der Wohnbevölkerung nicht abgedeckt ist. Glücklicherweise hat sich der ÖV-Bedarf auch so entwickelt, dass tatsächlich ein Mehrbedarf erkannt wurde. Das hat letztendlich wohl zu einer Einsicht geführt. Wir sind darüber sehr froh, lassen aber die Sektkorken noch nicht knallen. Zuerst muss noch das Geld gesprochen werden.

Genau, als nächstes muss der Kanton das nötige Geld bewilligen. Wie stehen dort die Chancen?

Ich wünsche mir, dass er einlenkt. Und ich denke, dass sich der Stadtrat schwer bemühen wird darum. Zum Glück sprechen die Fakten dafür, das 17er-Tram ganztägig bis Werdhölzli beizubehalten.

Macht das Einlenken des Stadtrats Mut, sich als Anwohnerin stärker fürs Quartier einzusetzen?

Auf jeden Fall. Was ich aber nicht unterstützen kann, sind Petitionen, die zum Beispiel zum Schutz eines Baumes an einer Allee angezettelt werden. Das bringt mehr Verwaltungsaufwand als Nutzen. Kein 17er mehr wäre jedoch unter anderem für Grünau ein schwerwiegender Eingriff. Ich habe zum Beispiel mit Vertretern der Firma Sika Kontakt gehabt, die auch Interesse an einer guten ÖV-Verbindung haben. Allgemein hätte es auch gravierende Auswirkungen für das Gewerbe. Eine Petition einzureichen war da absolut angemessen. Wir werden auch noch Herrn Türler danken, dass er in kürzester Zeit eine Antwort bereit hatte, obwohl er die Petition nicht gerade mit offenen Armen entgegengenommen hat. Für seine äusserst speditive Behandlung sind wir ihm sehr zu Dank verpflichtet.

Wie ist die Situation denn zurzeit im Quartier, seit der 17er verkehrt?

Weniger begeistert ist man vor allem in der Grünau. Da sind sehr viele Alterszentren. Von vielen Seiten konnte ich hören, dass es schon sehr betrüblich wäre, wenn man nicht mehr direkt bis zum Tiefenbrunnen fahren könnte. Die älteren Leute sind halt nicht so geübt im Umsteigen, das ist für sie ein Handicap. Die Anbindung an den HB stellt der 17er immerhin sicher, zumindest das! Am liebsten hätten natürlich alle den 4er wieder. Aber das ist unrealistisch, davon reden wir ja gar nicht. Bevölkerung und Gewerbe wollen nur ein Minimum an Berücksichtigung. Wir brauchen einfach eine ganztägige Direktverbindung zum Hauptbahnhof.

Ist es ein Kompromiss für Sie?

Der Hauptbahnhof ist wirklich wichtig, alles andere kann man Luxus nennen. Klar bedaure ich es sehr, keinen 4er mehr zu haben, aber so ist das im Leben. Sieht man zum Beispiel die Entwicklung mit der ZHdK, ist das toll. Was da passiert, ist fantastisch. Das ganze Quartier wird belebt – wo es vorher doch sehr einsam, wie ausgestorben war. Vor allem gelungen ist, dass die Erdgeschossnutzung Leben zur Strasse hin reinbringt. Das pulsiert richtig, vor allem auch noch am späteren Abend. Auch bei einem allfälligen Stadion wäre eine solch belebende Erdgeschossnutzung zu wünschen.

Bringt Ihnen der Anschluss ans Albisgütli in den Hauptverkehrszeiten etwas?

Nein, nicht wirklich. Die bedient hauptsächlich die Pendler «Albisgütli-HB». Tram 17 hätte ja auch bei uns nur zu den Hauptverkehrszeiten unterwegs sein sollen und das zwischen Hardturm-Ablisgüetli. Schnell musste man nämlich feststellen, dass das so nicht geht. In der Rushhour hing man ja schon fast wie in Indien am Tram. Bei der Einführung des Trams Zürich West wurde übersehen, dass rund um die Hardturmstrasse so viele Menschen arbeiten.

Marie-José Wolf an der Petitionsübergabe

Hinter einer neuen Linienführung steckt ja immer eine jahrelange Planung. Trotzdem kann dann letztendlich die Politik eingreifen. Braucht es mehr Absprache mit der Bevölkerung?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Planung am Reisbrett im stillen Kämmerlein vollzogen wird. Es werden Hochrechnungen angestrengt, von wegen bombastischen Fahrgastzahlen in der Zukunft und dabei geht es eigentlich stets nur um Pendler. Die Bevölkerung scheint regelmässig vergessen zu gehen. Es ist zu wünschen, dass auch die Wohnbevölkerung mehr oder besser gesagt überhaupt, berücksichtigt wird – es sei denn, man will in der Stadt nur noch das arbeitende Volk und Wohnen soll in Zukunft auf dem Land geschehen. Wollen wir das? Ich hoffe doch nicht. Ein Quartier lebt auch und besonders durch die Bewohner.

Andererseits ist man sich in der Stadt ja auch gewöhnt, dass hier viele Menschen arbeiten.

Das ist auch gut so. Wenn man hier durchs Quartier fährt, kann man nur staunen. Da ist zum Teil mehr Fussvolk unterwegs als an der Bahnhofstrasse an einem Samstag. Bei Büroschluss kann man bei der Hardbrücke regelrechte Völkerwanderungen erleben. Hält man sich zu bestimmten Zeiten dort auf, muss man aufpassen, nicht vom Menschenstrom mitgerissen zu werden, wohin auch immer. Pendler sind da, keine Frage. Doch das sind Leute, die hier arbeiten und die für die Arbeit auch mit Leichtigkeit umsteigen würden. Die Arbeit muss stimmen, der Weg dorthin findet sich schon.

Wie geht es jetzt weiter?

Zunächst müssen wir abwarten, was Regierungsrat Ernst Stocker, also der Vorsteher des ZVV, entscheiden wird. Wir sind in Achtungsstellung und bleiben sicher am Ball. Wenn ich die Stellungnahme von Corine Mauch durchlese, dann hört sich das für mich gut an. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Stadt unser Anliegen gut vertreten wird.

Gehen wir mal vom Worst-Case-Szenario aus: Der ZVV muss im ganzen Kanton mehr Gelder verteilen als geplant und der 17er kann deshalb nicht durchgehend weitergeführt werden. Was wäre dann?

Dann müssen wir zuerst wieder über die Bücher gehen. Wir haben aber natürlich einen starken Befürworter im Hintergrund und das ist die VBZ mit ihrer Studie, die sie letztes Jahr durchgeführt hat. Schon damals kam sie zu der Erkenntnis, dass es effizienter ist, den 17er weiterzuführen. Das kann nicht ganz bedeutungslos sein.

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