Wem gehört Zürich-West?

Bei der jüngst aufgeflammten Tramdebatte geht es auch um den 17er. Vor allem aber geht es um Gentrifizierung. Schade, dass dies niemandem aufgefallen ist.

NZZ, Tagi und mein Freund Haemmerli waren sich für einmal ziemlich einig: "Mich haut es einfach um, wie verwöhnt und wohlstandsverwahrlost gewisse Leute sind", schrieb Haemmerli in vollendeter Ausprägung seiner polemischen Kunstfertigkeit nach der VBZ-Infoveranstaltung vom vergangenen Dienstag. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er dies ausgerechnet auf Westnetz tat, der "Quartierplattform von und für Zürich-West".

Denn mit "wohlstandverlost" meint er Leute wie mich, die sich für einen Beibehalt der direkten Tramverbindung zum Hauptbahnhof einsetzen.

Wir hatten ein gutes Mittagessen in der Markthalle mit angeregtem Gespräch, in dem ich Haemmerli die Stimmungslage im Quartier zu beschreiben versuchte.

Ich sagte in etwa: das Tram ist nur der Funke. Viele hier haben den Eindruck, dass sie zunehmend Marktteilnehmer zweiter Klasse seien in diesem ach so hippen Trendquartier. Es gibt hier

  • die Beschäftigten - dazu gehören auch Berufsschüler und bald Studenten - , die morgens kommen und abends wieder nach Hause fahren. Für sie werden Restaurants, Imbissbuden, Parkhäuser und Tiefgaragen gebaut;
  • die Neuzuzüger, für die v.a. der Pfingstweidstrasse entlang Wohnungen gebaut werden, die sich Normalverdiener nie leisten können;
  • die Konsumenten von Kultur und Nightlife, die hier einen überschaubaren Teil ihrer Freizeit verbringen und anschliessend nach Hause fahren.

Und dann gibt es noch jene, die seit Jahren hier wohnen.

Bernoulli-Häuser, erbaut 1914-29. Dahinter Kraftwerk 1 (2001) und die Siedlung der A Porta-Stiftung.

  • Die Bewohner der Grünau, der Bernoulli-Siedlung, der A Porta-Siedlung, des Kraftwerks, von Limmat-West… Gerade letztere Siedlung verdeutlicht am besten, wie hier in den letzten Jahren ein Quartier dem alten 4er und heutigen 17er entlang zusammengewachsen ist.

LimmatWest, erbaut 1997-2002

Denn Limmat-West war gewissermassen der Anfang der Gentrifizierung, ein gewachsenes kleingewerbliches Milieu, zum damaligen Industriequartier gehörend, wurde ersetzt durch eine riesige Siedlung mit 300 Wohnungen, in die praktisch ausschliesslich quartierfremde Personen eingezogen sind. Das ist rund 12 Jahre her, der Autor gehörte damals dazu. Inzwischen hat sich Gemeinschaft gebildet über die einzelnen Siedlungen hinaus, und weil unsere Kinder in Höngg zur Schule müssen, gehören die Höngger auch dazu.

Die eingesessenen Bewohner sagen nie "Trendquartier". Aber - im Gegensatz zu den oben genannten Gruppen - haben sie eine emotionale Beziehung zu ihrem Quartier. Sie bemühen sich um Ordnung (manchmal auch um Law & Order, durchaus), werfen keinen Müll weg, verabscheuen Littering, Scherben, Kampfhunde und Autofahrer, die sich Schleichwege durchs Quartier suchen. Wir haben das Stadion Zürich diskutiert, mit durchaus unterschiedlichen Meinungen, wir redeten über Krippen, Kindergärten, Schulen und Schulwege, Einkaufsmöglichkeiten, Beizen, ja, und auch übers Tram… aber das war bis zum Fahrplanwechsel kein Aufreger.

Hingegen stellen wir fest: Wir haben noch immer keine Schule für die Kinder im Quartier. (Es gibt zwar wieder einmal ein Projekt, aber das ist - erraten ! - drüben an der Pfingstweidstrasse bei den Neuzuzügern.) Wir haben auch keine aufgewertete Hardturmstrasse, keine Apotheke, keinen Hausarzt, keinen Bancomat, keine Quartierbeiz, keinen Kiosk mehr, keinen grösseren Lebensmittel- und Alkoholhändler, keine Papeterie… Für all das fahren wir an den Limmatplatz oder weiter.

Concierge: Eingang zum Mobimo-Tower, erbaut 2010/11

Deshalb fühlt man sich hier gelegentlich übervorteilt gegenüber den gehätschelten Neuzuzügern und Werktätigen an der Pfingstweidstrasse. Unsere Liegenschaften haben keinen Concierge und wir haben auch nicht einen zweiten Wohnsitz in einer steuergünstigen Gemeinde am oberen Zürichsee, wir leben hier und zahlen konsequenterweise hier Steuern. Wenn die VBZ dann wieder Lininienführungsentscheide trifft zuungunsten der limmatseitigen Quartiere, dann vermisst man die entsprechende Sensibilität.

Kinder!

Unterm Strich denke ich: es hat sehr viel mit Kindern zu tun. Zuhause bist du dort, wo deine Kinder aufwachsen. Und das ist dein Quartier und dein Tram, das du verteidigst. Auch wenn dir kein einziger Quadratmeter Boden gehört.

Mehr zum Thema:

- Gentrifizierung

- IG Hardturm

- Quartierverein Grünau

- Der letzte Mohikaner

- Wohnungen Hardturmpark

- Mobimo Tower

- LimmatWest

- Schulhaus Zürich-West

  • Michael Gohlke 03.10.2012 14.21 Uhr

    Daniel, du sprichst (schreibst) mir aus dem Herzen. Und noch ein Nachtrag an die Adresse Haemmerli: Ja, in Mexico City gibt es kein Tram und die Leute wären froh, sie hätten eines. Und dass du mir brav den Teller leer isst, denn in Afrika haben sie Hunger.
    Diese Argumentation nach unten ist ein dämliches Killerargument, denn es verhindert jegliche Diskussion über allfällige Verbesserungsvorschläge. Schliesslich ist es immer irgendwo noch schlechter und die Leute beschweren sich ja auch nicht... Glasfasernetz? Gibts in Teheran auch nicht! Müllabfuhr? Können die in Palermo nur von träumen! Kinderkrippen? Schon mal in Lusaka danach gefragt? Velowege? Vielleicht in Tbilisi, gell!

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