Urban Gardening im Stadion

Abseits von Lärm und Stress des lebendigen Zürich-Wests liegt der Stadiongarten. Auf dem Brachland des ehemaligen Areals des Hardturmstadions wird geklettert, geskatet, gebacken und gegärtnert.

Garten Eden in Zürich-West

Das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume und das leise Vogelzwitschern fällt als Erstes auf, wenn man den grünen Flecken Erde abseits der Quartierstrasse betritt. Keine zwei Gehminuten entfernt, fahren unzählige Autos und die Tramlinie 17 über eine Kreuzung; auf dem Brachland hört man von all dem nichts. Als hätte jemand eine Linie zwischen zwei gegensätzlichen Welten gezogen, die sich zwar sehen aber nicht hören können.

Wer in den Stadiongarten geht, muss unter Stoffstreifen durch, genauer, unter einem der Art and the City - Kunstwerke. Es sieht schon ein wenig mitgenommen aus: Ein Sturm hat viele der Girlanden verheddert; andere mussten zur Erprobung der Knüpf-Künste von Kinder herhalten. Hinter dem Freiluftkunstwerk erstreckt sich der Stadiongarten über die Fläche eines kleinen Fussballfelds, das seit Frühling 2012 offen ist für die kostenlose Nutzung interessierter Hobbygärtner.

Kunstwerk von Art and the City

Der Verein Stadiongarten betreibt dort Urban Gardening, ein Trend, der weiltweit viele Städte erfasst hat. Die gärtnerische oder landwirtschaftliche Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlunggebieten ist in Anbetracht des Klimawandels auch dringend notwendig. Der Konsum von lokalen und nachhaltigen Produkten birgt eine Vielzahl an ökologischen und gesundheitlichen Vorteilen. So wird etwa der Ausstoss von Kohlendioxid durch kürzere Transportwege drastisch verringert, kompostierbare Abfälle finden wieder zurück in den Stroffkreislauf und der biologische Anbau verhindert die Kontamination durch Öl-basierte Düngemittel.

Beim Stadiongarten geht es aber nicht nur um Ökologie, sondern auch um den Austausch.

“Der Garten funktioniert als eine Art Gemeinschaftszentrum für die Quartierbewohner, da ein solches nicht vorhanden ist”, erzählt Dorothea Müller vom Verein Stadiongarten.

Dorothea Müller (links) im Austausch mit Hobbygärtnerin.

“Daher stammen die meisten Hobbygärtner aus dem Quartier und der Umgebung. Unter ihnen befinden sich ganz unterschiedlich Typen von Gärtnern. Jene, die das Prinzip der Selbstversorgung möglichst einzuhalten versuchen, Neulinge und Experimentierfreudige, die zum ersten Mal etwas anpflanzen und viele Familien, die ihren Kindern einen Kontrast zum Stadtleben bieten möchten. Eine tolle interkulturelle Durchmischung.”

Familien haben gemeinsam einen Spielplatz gebaut.

Dorothea Müller gehört zu den vier Angestellte des Vereins, die insgesamt ein bis zwei Tage in der Woche vor Ort sind. Sie sind bis auf eine Fachkraft alles Interessierte, die dafür sorgen, dass der Betrieb des Stadiongartens funktioniert. Dazu gehört die Instandhaltung des blauen Baucontainers im Zentrum des Gartens, wo die Standardausrüstung (Schaufeln, Harken etc.) für den Gartenbau und anderes Material gelagert wird sowie die Organisation von Events. Wichtig ist auch, zwischen den unterschiedlichen Partein zu vermitteln.

“Feste Regeln existieren hier abgesehen von einigen Grundsätzen nicht. Kleinere Streitigkeiten, bei denen wir vermitteln müssen, gibt es ab und zu; grössere Konflikte aber nicht”, sagt Müller.

“Einzig um das Abfallproblem müssen wir uns kümmern. Es ist schwierig, den Leuten beizubringen, dass sie ihren Abfall wieder mit nach Hause nehmen. Um solche Probleme auch gemeinsam angehen zu können, versammeln wir uns jeden ersten Sonntag im Monat. Wir diskutieren, planen und teilen die Arbeiten auf.

Arbeitsmaterial für die fleissigen Hobbygärtner/innen.

Zwischen Gemüsebeeten

Eine grosse Anschlagstafel neben dem Baucontainer erzählt über die aktuellen Ereignisse im Stadiongarten. Neben einem Zettel mit der Aufschrift: “Hat jemand meinen Schlüssel gefunden” ist ein weiteres Hilfsmittel zur Organisation des Garten aufgehängt: Der Giessplan. Jeweils zwei Mitglieder sind während einer Woche für die Bewässerung der Gemeinschafts- und Privatbeete eingeteilt.

Das Schwarze Brett des Stadiongartens.

"Durch diese Einbindung in das gemeinschaftliche Arbeiten entsteht eine starke Vernetzung und kein Beet bleibt anonym”, erklärt Dorothea Müller.

“Die Bewirtschaftung der Beete liegt aber in den eigenen Händen.”

"Verteilung" der Beete.

Der Gemüse- und Blumengarten ist in einem Halbkreis um den blauen Container angelegt. Eine einheitlich Ordnung oder ein System ist in der Aufteilung der zahlreichen Beete nicht ersichtlich. Kreuz und quer sind die unterschiedlichsten Arten von Kleingärten aufgestellt worden.

“Anfangs haben wir für die Leute eine beschränkte Anzahl an SBB-Pallettenrahmen bereitgestellt”, erzählt Dorothea Müller vor einigen grossen Holzbeeten mit Firmenlogo. “Mit der Zeit entstanden dann ganz eigene Konzepte und die verschiedensten Beete verteilen sich jetzt über das Gelände.”

Gemüsebeete in SBB-Pallettenrahmen.

Und tatsächlich. Einige Behälter wie eine Badewanne, grobe Plastiksäcke oder ehemalige Kunststofftonnen für Zucker weichen von der hölzernen Norm ab. Sogar ein altes Velo wird zum künstlerischen Garten; der Besitzer möchte es gänzlich überwachsen lassen.

Zukünftige Gartenkunst.
Hochbeet Marke Eigenbau.
Integriertes Bänkli zur Erholung nach getaner Arbeit.

“Momentan sind etwa 40 Beete in Betrieb. Sollte aus irgendwelchen Gründen ein Beet verwaisen wird es nach zwei bis drei Wochen weitergegeben. Dies geschieht aber selten, da man seinen Gartennachbarn meistens kennt und sich austauscht.”

Auf dem Rundgang durch die farbenfrohe Pflanzenwelt fällt auf, dass sehr wenig im Boden angepflanzt wird. Der Grossteil befindet sich in den Beeten.

“Laut Stadt Zürich soll der Boden kontaminiert sein”, sagt Müller zögernd. “Unsere Bodenproben haben zwar ein anderes Resultat ergeben, dennoch empfehlen wir Gemüse immer in Hochbeeten anzubauen. Man sollte lieber vorsichtig sein. Direkt im Boden werden daher nur Blumen gepflanzt wie jene Sonnenblumen dort von einer Schulklasse.”

Wegen der möglichen Gefahr, sieht man im Stadiongarten auch keine Tiere. An die Anschaffung von Hühnern hat man zwar schon gedacht, doch der Bau eines Stalls und die regelmässige Betreuung der Tiere würde das Budget sprengen. Sehr froh ist der Verein deshalb, dass das Wasser aus einem Hydranten und die Erde von Grün Stadt Zürich zu grosszügigen Konditionen bezogen werden kann. Die drei Komposthaufen generieren zu wenig Humus, als dass der ganze Garten damit bewirtschaftet werden könnte.

Das Wasser des Hydranten wird in den Tanks zwischengelagert.
Eine eigene Kompost-Gruppe hat der Stadiongarten.

Der letzte Abschnitt des Rundgangs führte uns zu zwei überdachten Lehmöfen.

Brotoloco

“Bevor der Stadiongarten zu Stande kam, haben wir auf der Brache das Projekt brotoloco entwickelt, aus dem später ein Verein wurde”, weist Dorothea mit einem Fingerzeig auf den brotoloco Anschlag hin.

"Jeden Freitag wird in einem Lehmofen ein Feuer entfacht und Pfünderlis gebacken, die man für vier Franken mittels eines Brot-Abos beziehen kann. Ab 15 Uhr kann man die bestellten Brote in der naheliegenden Genossenschaft Kraftwerk abholen.”

Im Moment sind es 31 Brot-Abonnenten, deren Zahl stetig steigt. Der grossen Nachfrage wegen, wir gerade ein grösserer Ofen fertigstellt. Doch nicht nur zum Brotbacken eignen sich sich die Lehmöfen. Jeden Donnerstag Abend werden im Ofen Pizze gebacken. Die Zutaten muss jeder selber mitbringen, anschliessend wird gemeinsam gebacken und gefeiert.

Ausserhalb dieser festen Termine steht der Ofen den Mitglieder frei zur Verfügung. Lediglich ein Unkostenbeitrag fürs Holz fällt an.

Der dienstältere Ofen.
Der neue Ofen muss noch ausgebessert werden.

Zukunft

Wie lange der Stadiongarten auf der Brache noch besteht, ist ungewiss. Man geht davon aus, dass Ende 2013 Schluss sein wird mit der Idylle.

“Darum geniessen wir unseren Garten noch so lange wir können”, sagt Dorothea Müller abschliessend.

“Durch diese Frist erleben wir alles noch viel intensiver.”

Projekte auf der Stadionbrache

Neben dem Stadiongarten befinden sich noch andere Projekte auf dem Brachland, die alle Mitglieder des Vereins Stadionbrache sind.

Direkt neben den Lehmöfen erhebt sich ein markanter Boulderwürfel, der vom Verein Bouldern Stadionbrache Zürich vor zwei Wochen fertigstellt wurde. Bei schönem Wetter versammelm sich jeden Abend die Kletterer hier und besteigen das selbstgebaute Kletterobjekt. In der südöstlichen Ecke des Areal sind derweil die Skater unterwegs.

Boulderwürfel
Skatepark

Links

Stadiongarten

Brotoloco

Ortoloco (Selbstverwaltete Gemüsekooperative in Dietikon)

  • Jocelyne Albrici 06.12.2013 10.33 Uhr

    Guten tag, könnten sie mir sagen, wo sie diese sbb Container für Hochbeet gekauft haben. Ich wäre ihnen sehr dankbar für eine Rückmeldung. Vielen dank und schönes Wochenende. Mit freundlichen grüssen.

  • Philippe Keiser 06.12.2013 10.49 Uhr

    Hallo Frau Albrici
    Für diese Frage wenden Sie sich am besten direkt an jmd. vom Stadiongarten. Link ist weiter oben.
    Aus eigener Erfahrung haben Handwerksbetriebe oder Lagerhallen solche SBB-Paletten. Geben diese z.T. auch gratis ab.

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