Streckenführung in Zürich-West: Der 17er bleibt!

Was man sich bei den neuen Tramlinien in Zürich-West überlegt hat: Jacques Baumann, Bereichsleiter Markt der VBZ, erklärt es und stellt sich der Kritik aus dem Quartier.

Herr Baumann, Sie sind bei der VBZ verantwortlich für die strategische Linienplanung. Wo wohnen Sie? Und wie kommen Sie zur Arbeit?

Ich wohne im Kanton Aargau. Und komme jeden Tag per öV. Pendeln kenne ich aus eigener Anschauung. Ich erlebe täglich, wie gut wir sind. Und wo etwas klemmt.

Wie lange sind Sie schon bei der VBZ?

Seit zwölf Jahren. Ich habe als Disponent bei der SBB begonnen, für die ich dreissig Jahre tätog war. ÖV ist meine Berufung. Ich machte das sehr gerne, und die Arbeit für den öffentlichen Verkehr bereitet mir sehr viel Freude.

Im Teilen von Zürich-West herrscht zu Zeit nicht nur Freude. Ihre Linienführung steht in der Kritik. Bewohner der Hardturmstrasse und der Grünau vermissen den alten 4er und befürchten, bald am Eschwerwyssplatz umsteigen zu müssen.

Linienführung ist eine langfristige Angelegenheit. In Zürich-West haben wir uns gefragt, wie die langfristige Entwicklung in der Stadt aussieht und davon ausgehend aufs Quartier gezoomt. Für uns ist klar, dass der Ast vom Escherwyss-Platz Richtung Bahnhof Altstetten-Nord massiv wachsen wird. Man kann in der Gegend verdichtet bauen, und es entsteht sehr viel Fläche, die für Arbeitsplätze und Wohnungen genutzt werden wird. Dazu kommt 2014 die Hochschule der Künste mit mehreren Tausend Studierenden. Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch unsere Berechnungen geben uns die Sicherheit, dass die Trams Richtung Altstten-Nord sehr gut ausgelastet sein werden. Wir rechnen damit, dass der 4er längerfristig eine Auslastung haben wird wie der 14er und der 11er, die zu den meistbenutzten Linien gehören.

Was für eine Rolle spielt der Bahnhof Altstetten-Nord?

Da ist die Anbindung ans S-Bahn Netz. In der Strategie des Zürcher Verkehrsverbundes ZVV, der kantonalen Ebene, wird grösstes Gewicht gelegt auf optimale Verbindung der S-Bahnhöfe mit dem Nahverkehr. Dort wo heute der 31er fährt, auf der anderen Seite des Bahnhofs Altstetten-Nord, entsteht die Limmatalbahn. Und wir verlängern den 2er, der dort durchfährt bis nach Schlieren. Es ist wichtig, dass man solche grosszügigen öV-Knoten schafft. Nur so bietet man der Kundschaft optimale Umsteigemöglichkeiten in alle Richtungen.

Wie sieht die Entwicklung entlang der Linie Hardturmstrasse Richtung Werdhölzli aus?

Auch dort werden wir Wachstum haben. Aber nicht so explosiv. Es gibt dort nicht die Brachflächen, auf denen man so verdichtet bauen könnte. Und es gibt keine Anbindung an ein weiteres Netz.

Kann die VBZ selber entscheiden, was für Linien Sie einführt? Oder hängt sie da immer vom Kanton oder gar vom Bund ab?

Grundsätzlich sind wir als Unternehmung verantwortlich für das Angebot in der Stadt Zürich. Wir schauen genau, wo es welche Leistungen braucht. Aber der Besteller, den wir überzeugen müssen, dass diese Leistung bezahlt wird, das ist der Kanton, vertreten durch den Zürcher Verkehrsverbund ZVV. Im Verkehrsrat wird entschieden, ob eine zusätzliche Leistung realisiert wird. Oder ob sie keine Akzeptanz findet.

Die Linie 17, die jetzt zwischen Werdhölzli über die Hardtumstrasse an den HB fährt, soll aufgehoben werden. Das hat am meisten Kritik verursacht.

Wir haben die Streckenführung vor sechs Jahren geplant. Die Aufhebung der Linie 17 war einmal vorgesehen. Die Stadt ist aber schneller gewachsen als alle angenommen haben. Das haben wir angepasst: Wir werden die Linie 17 während der Hauptverkehrszeiten weiter vom Hardturm bis an den HB führen. So können Pendler bequem zum HB und zurück ins Quartier fahren.

Ein Primeur! Oder hatten Sie das schon kommuniziert?

Nein. Ursprünglich hätte die Linie zehn bis ins Werdhölzli führen sollen. Der 10er ist aber auch die Glatttalbahn. Die fährt am Sonntag nur im 15 Minuten Takt. Das wollte man dem Quartier nicht zumuten. Deshalb führten wir die Linie 17 ein, an der sich der ZVV nicht beteiligt. Das ist eine Leistung, die allein die VBZ trägt. Und weil das eine Zusatzleistung ist, kam es zum Engpass bei unserem Fahrzeugbestand. Wir mussten alle Hebel in Bewegung setzen, damit wir diese Linie bedienen können.

Da haben Sie anfänglich zu knapp kalkuliert und zu kleine Trams fahren lassen.

Wir hatten das unterschätzt. Dann mussten wir das ganze Netz nach einzelnen Kursen durchforsten, um hier noch ein Cobra-Tram und da noch eine lange 2000er-Komposition zu finden, die wir als 17er einsetzen können. Wir sind froh, dass wir diese Linie heute richtig bedienen können. Wir sind dadurch aber auf auch anderen Linien an die Grenze gekommen.

Warum wusste man nicht schon vorgängig, dass es zu wenig Kapazität Richtung Werdhölzli geben würde?

Die Kunden nehmen nicht immer genau auf den gleichen Kurs. Und wenn ein Tram überfüllt ankommt, dann geht das beim nächsten Kurs gleich so weiter. Wir hatten diese Reserve nicht eingerechnet.

Wie entscheiden Sie, welche Linie wie grosse Trams kriegt?

Wir wissen von jedem einzelnen Kurs, wie stark er belegt ist. Dort, wo alles im grünen Bereich war, haben wir Trams raus genommen. Aber genau darum geht es beim öV: Man muss abwägen, wie man sich mit den vorhandenen Kapazitäten optimal den Bedürfnisse der Kundschaft anpasst.

Wie messen Sie das Fahrgastaufkommen?

Wir haben spezielle Trams, Zählfahrzeuge mit Türsensoren, die jeden Fahrgast beim Ein- und Aussteigen erfassen. Wenn wir merken, dass es irgendwo Probleme gibt, senden wir sofort Zählfahrzeuge.

Warum haben Sie nicht mehr Trams beim 4er abziehen können? Auf der Fahrt nach Altstetten ist der ja noch nicht voll ausgelastet?

Das ist richtig. Aber: Wenn man über den 4er diskutiert, der nicht ausgelastet ist, redet man nur über den Streckenteil Escherwyss-Altstetten. Der 4er fährt aber auch vom HB nach Tiefenbrunnen. Und dort braucht es Cobras.

Wann ist der Entscheid gefallen, dass man den 17er trotzdem beibehält.

Nach den Sommerferien. Wir waren da schon länger dran. Wir wollten den 17er behalten und fanden auch, dass man die Ansprüche im Quartier Ernst nehmen muss. Es brauchte einfach Zeit, bis wir das mit dem ZVV klären konnten, und sie das als Bestellung akzeptierten.

War es schwierig, das durch zu bringen?

Anspruchsvoll.

Warum?

Wegen der Kosten. Ein einzelnes Tram das dauern fährt, kostet bis zu einer Million pro Jahr. Das liegt an der Amortisation. An der Kilometerleistung. Am Service. Braucht es sieben, acht Trams zusätzlich, muss das irgendwo wieder eingespart werden können.

Und? Wie tun Sie das?

Wir nehmen es in unser Budget, der ZVV in sein Budget. Bezahlt wird der 17er vom ZVV. Aber der Druck auf die Kosten ist bei uns sehr gross. Das sind alles Steuerfranken, die – zu Recht - optimal eingesetzt werden müssen.

Warum fahren Sie mit dem Stosszeiten-17er nicht weiter als bis zum Hardturm? Warum nicht bis Werdhölzli?

Aufgrund der momentan zu kleinen Nachfrage. Ausserdem wird die Anbindung vom Eschwerwyss-Platz sehr gut sein, wenn wir den 8er über die Hardbücke bis ins Werdhölzli verlängern werden.

Und damit endlich eine Verbindung zwischen den Kreisen 4 und 5 schaffen!

Mit einem Takt von siebeneinhalb Minuten ins Werdhölzli ist der 8er ein sehr gutes Angebot. Das Fahrgastaufkommen erlaubt es uns aber nicht, noch eine zweite Tramlinie bis ins Werdhölzli zu ziehen.

Kann man in Zahlen ausdrücken, was für ein Fahrgastaufkommen es braucht, bis das Bedürfnis nach einer Tramlinie ausgewiesen ist?

Dafür braucht es eine Belastung von etwa 10‘000 Personen pro Tag. Das bringen wir nicht hin. Aber für uns ist es ein grosser Erfolg, dass wir mit der Weiterführung des 17er dem Quartier eine Leistung bieten können, die nachgefragt wird. Das entlastet auch den 4er und den 13er, so dass wir da mehr Komfort bieten.

Wenn die Stadt stark Richtung Werdhölzli wachsen sollte, dann würden Sie verlängern?

Das ist unser Job. Wenn die Nachfrage wächst, stellen wir mehr Kapazität bereit.

Aber Sie müssten ers t den ZVV überzeugen. Das heisst, als kritischer Quartierbewohner, der gerne auch zu Randzeiten direkt Werdhölzli-HB fahren würde, wäre der Adressat der Kanton?

Das kann man so sehen.

Sieben Herren, die Quartiervereine und dergleichen vertreten, schreiben in einem offenen Brief an Stadtrat Türler, falle der 17er weg, sei das Umsteigen am Eschwerwyssplatz „umständlich und zeitaufwändig und für ältere Quartierbewohner ein unüberwindliches Hindernis.“ In Randzeiten wird kein 17er fahren. Können Sie sagen, wir gross der Zeitaufwand sein wird

Wenn Sie vom Werdhölzli her kommen wird der 8er beim Escherwyss rechts abbiegen. Dort wird es eine neue Haltestelle geben, die auch den 4er bedient. Sie haben also eine optimale Anbindung und müssen lediglich auf die andere Seite des Geleises gehen.

Und wie lange muss man warten?

Wir gehen mit der jetzigen Fahplankonstellation davon aus, dass den nächste Anschluss in maximal drei bis vier Minuten kommt.

Und wie sieht es mit den Einsteigmöglichkeiten aus? Was tun Sie, damit das prophezeite „unüberwindliche Hindernis“ für alte Menschen ausbleibt?

Wir bauen keine Anlagen, die nicht funktionieren oder nicht gut zugänglich sind. Die Haltestelle wird hohe Haltekanten haben, was für ältere Leute am bequemsten ist. Wenn man das Geleise überquert und keinen Schritt mit 30 Zentimeter Höhendifferenz machen will, dann kann man am Ende der Haltestelle problemlos auf die andere Seite kommen.

Also teilen Sie auch nicht die staatspolitischen Ängste der Petitonäre, die fürchten, ältere Quartierbewohner würden es nicht mehr bis zum Abstimmungslokal schaffen.

Haltestelle: Unüberwindliches HInderniss oder zumutbarer Übergang

Das Quartier gewinnt mit dem verlängerten 8er ja auch vielfältige Verbindungen! Ein Bahnhof Hardbrücke, wo neun S-Bahn-Linien zur Verfügung stehen, von wo man alle zweim drei Minuten im Nu im Hauptbahnhof ist, direkt ins Glattttal, nach Winterthur, in den Aargau fahren kann! Dann gelangt man mit dem 8er direkt in andere Quartiere: Zum Helvetiaplatz. Zum Stauffacher. Zum Paradeplatz. Das sind ganz neue Direktverbindungen.

Dass die Kreise 4 und 5 verbunden werden, ist fantastisch. Was aber sagen Sie den älteren Leuten, die am Limmatplatz einkaufen wollen.

Es ist nicht optimal, wenn man mit der Einkaufstasche umsteigen muss. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Allerdings werden wir ab 2015 von der Grünau aus die Linie 78 im siebeneinhalb Minuten Takt zum Lindenplatz führen. Das heisst, Sie können dann ohne umsteigen direkt vor die Migros fahren, einkaufen und wieder nach Hause fahren.

Im offenen Brief taucht noch ein Vorwurf auf. Da steht: „Die Anwohner Am Wasser/Breitenstein mussten auf die Buslinie 71 verzichten.“ Worum geht’s?

Die Linie 71 war ein Quartierbus entlang dem Wasser. Leider kein Erfolg. Wir hatten dort durchschnittlich 1,2 Fahrgäste pro Bus. Das lässt sich finanziell nicht rechtfertigen. Mit dem Quartierverein Wipkingen hatten wir eine intensive und gute Zusammenarbeit. So haben wir den 71er vom Eschwer-Wyss an den Bahnhof Hardbrugg verlängert, um zu sehen, ob es eine bessere Auslastung gibt, wenn man direkt bei der S-Bahn einsteigen kann. Der Quartierverein hat das im Quartier kommuniziert. Das hat aber nicht geholfen. Wir haben den Bus im Einvernehmen mit dem Quartierverein eingestellt.

Mit wem vom Quartierverein haben Sie damals gesprochen?

Mit Herrn Beni Weder.

Der jetzt als Unterzeichner aber doch wieder die Einstellung der 71er Linie ins Feld führt! Noch eine Sorge aus dem Quartier lautet: Wenn der 8er über die Hardbrücke geführt wird, dann gibt es Staus in Wiedikon. Unterstrass. Oder in Schwammendingen.

Es geht um das Argument, dass man den Autoverkehr auf der Hardbücke abbremse, weil das Tram die Strasse überqueren muss. Wenn man diese Frage seriös beantworten will, muss man erst prüfen, was es für Knoten rund um die Hardbrücke gibt. Die erst bestimmen, wie hoch der Verkehrszufluss ist. Und diese Knoten belässt man genau so wie sie sind. Die sogenannten Tramschleusen haben eine so hohe Kapazität, dass der Autoverkehr nicht behindert wird, und es noch eine Reserve für einen allfälligen Verkehrszuwachs gibt.

Sie schaffen mehr Verbindungen und mehr öV. Wie erklären Sie sich die heftige Kritik?

Wenn ein Quartier sich so schnell verändert wie Zürich-West, wenn man den öV langfristig anpasst und verändert, dann zieht das auch Belastungen nach sich. Es wird zwar für die grosse Mehrheit besser, aber nicht unbedingt für jeden. Wollte man alle Bedürfnisse befriedigen, käme das manchmal der Quadratur des Kreises gleich. Bei der VBZ zerbrechen sich viele Menschen den Kopf, wie wir unsere Mittel optimal einsetzen können, und unsere Mitarbeiter geben ihr Bestes, damit das gelingt. Sie können uns glauben: Wir versuchen nach bestem Wissen und Gewissen alles möglich zu machen, damit unsere Kundschaft hinfahren kann, wo immer sie will, so schnell und bequem wie möglich.

Virtuelle Fahrt mit dem 8er über die Hardbrücke.

Der Brief der sieben Herren mit den acht Unterschriften

Projekt Tram Hardbrücke

Nachtrag:

Jürg Rohrer rückt in einem klugen Artikel im Tages-Anzeiger die Perspektive zurecht, in dem er in die Historie der Tramlinen-Veränderungen schaut.

  • Daniel Blickenstorfer 26.9.2012 16.34 Uhr

    Leider hatte ich gestern Abend einen äusserst wichtigen Termin und verpasste deswegen den Showdown im Wasserwerk. Wenn ich jetzt die Zwischenresultate ansehe im obigen langen Interview mit Jacques Baumann - danke Haemmerli, gut gemacht, danke für die Referenzen;)) - und den Bericht im Tagi heute, dann weiss ich nicht, ob das Glas jetzt halbvoll oder halbleer ist.

    ++ Sehr erfreulich ist, dass 150 Leute da hingegangen sind und den VBZ mal klar gemacht haben, dass in unseren Quartieren reale Menschen wohnen, die ein Tram zum Bahnhof wollen.

    + Tröstlich ist, dass der 17er dieses Bedürfnis wenigstens zu den Spitzenzeiten auch in Zukunft befriedigen soll. Und dass man während der übrigen Zeit zum Umsteigen nicht den ganzen Escher-Wyss-Platz (Ugliest Square Nationwide) queren muss, sondern dass dafür eine neue Haltestelle unter der Hardbrücke bereitgestellt wird.

    Dann ist's aber schon vorbei mit dem Erfreulichen. Und man wird vom unangenehmen Gefühl befallen, dass möglicherweise allzu viele VBZ-Planer im Aargau wohnen. Nur, das sollten auch Aargauer verstehen: die Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen etwas Bewährtes wegnimmt und ihnen dafür etwas Neues anbietet, mit dem sie nichts anzufangen wissen. Beispiel für Aargauer: Wenn Sie den Interregio von Aarau nach Zürich HB streichen und diesen stattdessen direkt nach Zürich-Flughafen führen mit dem Argument, die Aargauer seien dann schneller in Kreuzlingen, ja dann… Dann werden die Aargauer sauer! (Sorry, musste sein;)).

    Zurück zu unserem kleineren Geviert mit den Quartieren Grünau, Hardturm, Höngg und Wiedikon, zurück zum 17er:

    -- Besonders mühsam ist das Umsteigen für einen Teil jener Passagiere, welche das Tram eben vorwiegend AUSSERHALB der Spitzenzeiten benutzen: Alte, Behinderte, Mütter und Väter mit Kindern und Kinderwagen.

    -- Und ausgesprochen unlogisch wirkt das VBZ-Argument, dass die Haltestellen um den HB entlastet werden müssten und der 17er deshalb nur noch während der Spitzenzeiten wenigstens bis Hardturm fahre. Wenn man dieser Logik folgt, dann haben diese Haltestellen also grössere Kapazitäten während der Spitzenzeiten? - Seltsam.

    Abgesehen von ein paar (virtuellen) Trambenutzern in den Köpfen der Planer gibt es also fast nur Verlierer bei diesem Projekt: allen voran die Bewohner von Grünau und Höngg sowie Passagiere mit eingeschränkter Mobilität.

    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Tram-17-wird-definitiv/story/12302201

  • . Haemmerli 26.9.2012 18.13 Uhr

    Wenn ich journalistisch arbeite, dann spule ich brav alle Kritikpunkte ab, die einem Gesprächspartner gemacht werden können. Nicht unbedingt meine, sondern alles, was man da und dort hört. Ich bin aber nicht nur Journalist, ich bin auch Bürger. Und einer mit einem ausgeprägten politischen Temperament. Und das muss jetzt dringend Laut geben:



    Mir schien schon der Brief von sechs Quartiervereinsherren sowie einem, der so wichtig zu sein scheint, dass er seine Unterschrift gleich zwei Mal auf den Brief schrieb, unsäglich.


    Aus Neugier und weil ich für westnetz.ch tätig bin, ging ich gestern an diese Veranstaltung und bin – offen gestanden – etwas erschüttert.



    Ich verstehe ja, dass man sich nicht gerne etwas wegnehmen lässt. Aber mit welcher Selbstverständlichkeit da Ansprüche gestellt werden, und sich ein kleinkarierter Egoismus, um nicht zu sagen, Quartierchauvinismus manifestierte, das geht auf keine Kuhhaut.




    Als einer, der immer wieder mal in grösseren Städten im Ausland lebt (Mexiko-City, Saigon, Tbilisi, Paris), haut es mich einfach um, wie verwöhnt und wohlstandsverwahrlost gewisse Leute sind.




    Und man braucht da keineswegs Mexiko oder Vietnam heranzuziehen. Es reicht, an die Bewohner von Affoltern zu erinnern, die auch ihre Steuern zahlen und gar keine Tramlinie haben. Unsereins wohnt bei der Gerechtigkeitsgasse und wäre noch nie auf die Idee gekommen, zu jammern, wir würden benachteiligt, bloss weil man mit dem 8er nicht direkt an den HB fahren kann. Und in meinem Quartier wohnen auch viele Alte und Leute mit Kindern.




    Man kann doch nicht im Ernst behaupten, es sei unzumutbar, wenn man – in Randzeiten! - einmal umsteigen muss an einer Haltestelle, bei der man dank hoher Kante mit Kinderwagen, Koffern oder was auch immer direkt ins Tram rollen kann. Einer Halstestelle, bei der an den Aussenrändern Rampe sind, über die man problemlos auf die andere Seite rollen kann! Man kann doch nicht behaupten, man verliere unsäglich viel Zeit, wenn alle drei bis vier Minuten ein Umsteigetram kommt, und man meist weniger als vier Minuten wird warten müssen!




    Da gibt es einen 71er Bus, der mit durchschnittlich 1,2 Personen besetzt ist. Anstatt dass der, was normal wäre, schleunigst eingestellt wird, macht man mit sogenannten Quartiervereinen (die immer nur einen bestimmten Teil eines Quartiers, nie aber das Quartier selber repräsentieren; das tun höchstens gewählte Vertreter) einen rundenTisch und verlängert auf Verlangen des Vereins die Linie. Nachdem sich die Passagierzahl nicht erhöht, wird die Linie eingestellt. Und dann kommen doch tatsächlich irgendwelche Bewohner und fordern, die Allgemeinheit müsse einen Bus bezahlen! Einen, der den Namen öV nicht verdient, weil es sich bei einer Besetzung von 1,2 Passagieren um ein Taxi handelt! Bzw. um eine Superstretch-Limousine.



    Mir ist ja klar, dass man in der politischen Auseinandersetzung auch mit Argumenten ficht, von denen man weiss, dass sie eigentlich nicht stichhaltig sind. Aber dass man sich auf Argumente gar nicht erst einlässt, das stimmt dann doch sehr bedenklich. An dem Anlass gestern Abend zum Beispiel wurde von den Votanten nicht zur Kenntnis genommen, dass bei der neuen 4er Linie die Hochschule der Künste, neue Arbeitsplätze, Wohnungen und eine S-Bahnhof-Anbindung entstehen. Und damit die Leier, der 4er sei ja leer, längerfristig nicht stimmt. Eine rationale Debatte wäre die Frage, wie viele Leute längerfristig Richtung HB-Altstetten-Nord fahren. Und wie viele künftig Richtung Werdhölzli fahren. Auf diese Debatte mag sich von den Wutbürgern aber niemand einlassen.



    Dafür war zu hören, dass alteingesessene Quartierbewohner doch bitteschön bevorzugt behandelt gehören gegenüber bösen Bürolisten und Pendlern.




    Die Verkehrsprobleme einer dynamischen Region lassen sich aber nicht im Werdhölzli lösen, sondern nur in der Grossagglomeration um Zürich. Und das heisst im Kanton. Und ein Werdhölzler ist per se kein wertvollerer Mensch als ein Angestellter oder eine Schöne-Künste-Hochschülerin. Selbst wenn die zwei aus dem Aargau nach Zürich pendeln.




    Deshalb geht mir dieser Mikrolokalchauvinismus so auf den Senkel. Genauso wie ich es unstatthaft finde, einem VBZ-Planer, der täglich erst Zug und dann Tram fährt, vorzuhalten, er wohne im Aargau. Wenn man jemandem unterstellt, er habe keine Ahnung oder finstere Absichten, dann würde ich gerne Belege oder wenigstens ein Indiz dafür hören. Dass die eigene Bequemlichkeit tangiert ist, dass man in Randzeiten zwei, drei Minuten länger braucht, reicht dafür nicht aus. Nein, auch nicht wenn man einen Kinderwagen besitzt. Oder Senior ist.




    Ich hatte – in der Rolle des Journalisten - bei allem kritischen Nachbohren stets den Eindruck, dass Verkehrsplaner Baumann und seine Leute möglichst rational das für die grösstmögliche Anzahl Passagiere Richtige zu tun versuchen. Man kann darüber streiten, ob die Annahmen, Prognosen und die Zahlen stimmen. Aber zu behaupten, man sei im Werdhölzli hinten in eine Art verkehrstechnisches Sibieren verbannt worden, das ist ein schlechter Scherz!




    So, jetzt geht's Bürger Haemmerli besser!

  • Ulrich Spring 26.9.2012 21.07 Uhr

    Als Quartierbewohner und Quartierbürolist fühle ich mich durch den Erguss von Bürger Hämmerle herausgefordert und durch den Ausdruck Wutbürger beleidigt, verzichte aber bewusst auf eine polemische Erwiderung.

    Aus meiner Sicht könnten die unterschiedlichen Wünsche der AnwohnerInnen, Pendler incl. Aargauer wie folgt gelöst werden:
    - Die Tramlinie 4 wird auf die ursprünglich Strecke Werdhölzli - Bahnhof Tiefenbrunnen zurückverlegt.
    - Die Tramlinie 10 wird vom Central zum Bahnhof Altstetten Nord verlängert. Der durch die Galttalbahn vorgegebene Viertelstundentakt reicht für das Passagieraufkommen in Zürich-West . Zusätzlich wird Zürich-West direkt an den Flughafen angebunden.
    - Tramlinie 8 führt über die Hardbrücke über Escher-Wyss zum Hardturm (Wendeschleife)
    - Tramlinie 17 kann aufgeboben werden oder zusätzlich bei Bedarf auf der Strecke Bahnhofplatz/HB – Bahnhof Altstetten Nord eingesetzt werden, um den Viertelstundentakt beim 10er in Zürich-West zu unterteilen.
    - Zu einem späteren Zeitpunkt kann die Linie 8 über den Rosengarten geführt werden oder über eine neu zu erstellende Linie Hardturm – Aargauerstrasse zum Bahnhof Alstetten Nord.


    Die Vorteile dieser Linienführung wären:
    - Zürich-West, Hardtumstrasse und Werdhölzli haben eine direkte Anbindung an den HB.
    - Wendeschleife am HB wird entlastet.
    - Kapazität in der Limmatstrasse entspricht heutigem Zustand.
    - Verbindung an Bahnhof Altstetten Nord kann schrittweise und bedürfnisgerecht ausgebaut werden (10/17).
    - Das geplante Stadium Hardturm erhält zwei Anbindungen an den HB (10/4) , an den Bhf. Hardbrücke (10/8/17) sowie eine an den Bahnhof Altstetten Nord (10/17)
    - Die neuen Hotels in Zürich-West erhalten eine direkte Anbindung an Flughafen Zürich.

    Es ist mir wirklich ein Anliegen, dass die VBZ ihre Strecken mit den NutzerInnen plant und optimiert. Dazu genügt eine Informationsveranstaltung leider nicht, wie ich als Planer und Ingenieur auch schon erfahren musste.

  • . Haemmerli 27.9.2012 00.39 Uhr

    Sehr geehrter Herr Spring.
    Mit Ihnen, so scheint mir, könnte man jede Diskussion führen. Unpolemisch und vernünftig. Wenn Sie ehrlich sind, werden Sie nicht behaupten wollen, gestern hätten viele Stimmen aus dem Quartier besonnen argumentiert. Man hat seinem Ärger Luft gemacht. Und das gegenseitig beklatscht. Das erklärt meine etwas emotionale Replik.
    Das Problem ist aber, wie man so etwas in ein vernünftiges Verfahren übersetzen könnte. Was genau stellen Sie sich vor, wenn Sie schreiben, die VBZ solle "Strecken mit den NutzerInnen" planen? Wer darf dann etwas dazu sagen? Auch Pendler? Gar: Ausländische Pendler? Darf ich als einer der mutmasslichen Profiteure der verlängerten 8er Linie etwas zur Strecke Werdhölzli sagen? Oder darf ich das nicht? Dürfen bloss Leute mitreden, die an einer betroffenen Strecke wohnen? Und falls das der Fall sein sollte: Nur diejenigen, die gerade Zeit und Energie haben, an eine Veranstaltung zu kommen? Oder wäre es möglich, dass man dazu jemanden abdelegiert, von dem man das Gefühl hat, er vertrete das Richtige?

    Obwohl mir viele Kritiker der Moderne und der Aufklärung einleuchten, so glaube ich doch daran, dass es halbwegs möglich ist, bei fairen, gut durchdachten Verfahren und einer möglichst rationalen Diskussion zu praktikablen Lösungen und einem vertretbaren Interessenausgleich zu kommen. Mir scheint, dass das – im Vergleich mit anderen Staaten - unsere repräsentative Demokratie und unser Reichsstaat nicht ganz so schlecht hinkriegen. Falls Sie aber Vorschläge für weitergehende Partizipation haben, die über den Werdhölzli-Einzelfall und die Enttäuschung über die entzogene 4er-Tramlinie hinaus gehen und die sich plausibilisieren lassen, erklären Sie das doch bitte! Ich bin der erste, der zu geben wird: Ich habe im Leben oft geirrt. Ich glaube an neue und bessere Ideen. Und ich lerne gerne dazu.
    P.S. Mit SP-Andrea bin ich nich verwandt. Ich heisse Haemmerli mit ae und li am Schluss.

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