Grünau - Das Ziehen am Rande der Stadt - Dokumentarfilm von Thomas Isler

Vor dem Abriss der Siedlung Bernerstrasse in Grünau nisteten sich Künstler und Kreative in der Siedlung ein - und das ganz legal, sogar mit Unterstützung der Stadt Zürich. Der Dokumentarfilmer Thomas Isler verfolgte die Zwischennutzung und drehte einen Dokumentarfilm.

Dort wo heute die Neubausiedlung Werdwies in Grünau steht, stand einst eine Siedlung, deren 267 Wohnungen überwiegend von Migranten bewohnt waren. Die Siedlung hatte ein sehr schlechtes Image, viele der Wohnungen waren Sozial- und Notwohnungen – die Rede ist von der Wohnsiedlung Bernerstrasse. Für die Stadt war sie lange ein Dorn im Aug, weshalb man sie abreissen, durch einen Neubau mit attraktiven und preiswerten Wohnungen ersetzen und so das Quartier aufwerten wollte.

Ida-Platz-Qualität für alle

Der Abbruch der Siedlung Bernerstrasse und die geplante Erstellung der Siedlung Werdwies sollte ein Exempel für ein Ersatzneubauvorhaben sein, das für die Mieterschaft und für das Quartier sozialverträglich ist, so der damalige Stadtrat Martin Vollenwyder. Man wollte mit dem Siedlungsneubau eine «Ida-Platz-Qualität für alle» schaffen, wie Peter Ess, Direktor des Amtes für Hochbauten damals ausführte. Damit das Ersatzneubauvorhaben unproblematisch über die Bühne gehen würde, hat man die jeweils freiwerdenden Wohnungen Künstlern zur Zwischennutzung angeboten. Das Projekt Fuge, ein Projektbüro wurde eingerichtet und Gelder zur Verfügung gestellt.

Mit Kunst Quartier aufwerten

Ab September 2002 begannen die Künstler ihre Ateliers in den freiwerdenden Wohnungen einzurichten, während die Bewohner der Siedlung nach und nach verschwanden. Fast zwei Jahre lang prägten Künstler und Kreative von da an mit Ausstellungen, Aktionen und Veranstaltungen die Siedlung. Manche Mieter blieben bis zum Abriss 2004 in ihren Wohnungen und lebten mit den Künstlern Tür an Tür. Mit ihrem Dasein und ihrem Tun werteten die Kreativen die Siedlung und das Quartier auf, bewusst oder unbewusst, spielten die Künstler als Teil des Projekts Fuge so eine wichtige Rolle bei der Aussiedlung der Bewohner. Sie verliehen der Siedlung und dem Quartier einen Coolness-Touch, was der Vermarktung der Siedlung durchaus dienlich war.

Jung, urban, gebildet und kreativ

Solche Leute wollte man damit ins Quartier locken. So wurden die über 150 neu erstellten Wohnungen denn auch gezielt an junge Personen vermietet, bei denen man das Gefühl hatte, sie würden das Quartier aufwerten. Gebildete, kreative Personen im zeugungsfähigen Alter mit einer gesicherten Zukunft.

Dokumentarfilm über die Zwischennutzung

Thomas Isler (45), Dokumentarfilmer, Videokünstler und Dozent passte damals genau in diese Zielgruppe. Er fand das Projekt Fuge spannend, verfolgte die Zwischennutzung und drehte damals einen Dokumentarfilm über das Projekt. Weshalb er selber in die Neubausiedlung Werdwies gezogen ist, ob er immer noch hier wohnt, erzählt Isler uns im Interview. Thomas Isler hat uns seinen dokumentarischen Film netterweise zur Verfügung gestellt, er ist im Anschluss an das Interview zu sehen.

Thomas Isler steht im Zentrum der Überbauung Werdwies, im Hintergrund die Migros Voj.

Thomas, wie kam es dazu, dass du damals in die Neubausiedlung Werdwies gezogen bist?

Wir mussten damals aus unserer alten Wohnung ausziehen. Die Suche nach einer neuen Wohnung war schwierig. Dann erzählte uns ein Bekannter, wir sollen uns mal in der Grünau umschauen, da sei die Chance grösser, eine preiswerte Wohnung zu finden. Ich kannte die Grünau bereits vom Projekt Fuge, weil ich damals als ich von dem Projekt hörte, hinging und einen Dokumentarfilm drehte. Ich kannte das Quartier von daher bereits und konnte mir gut vorstellen hierher zu ziehen. Und das, obwohl damals ja nicht alles ganz fair ablief, dennoch war ich nie ein starker Gegner vom Neubau der Siedlung. Wir riefen die Liegenschaftsverwaltung an und bekamen prompt eine Wohnung in der neuen Siedlung. Ich denke, es war am Anfang schwierig Leute wie uns ins Quartier zu locken. Wir entsprachen genau der Zielgruppe. Jung und bildungsnah. Wir waren Teil des Projekts, mit dem man die Siedlung und damit das Quartier aufwerten wollte. Heute sind die Wartelisten für die Wohnungen lang.

Idaplatz-Feeling kommt hier definitiv nicht auf, die Siedlung erinnert stark an das schöne Neu-Oerlikon.

Wie fühlst du dich hier im Quartier?

Ich bin nicht der einzige, sehr viele hier sind wie ich. Ich finde es grandios hier. Ich könnte mir nicht vorstellen irgendwo anders zu wohnen. Selbst der Gestank, der mich hier als einziges stört, vertreibt mich nicht. Wir haben ganz viele Freunde und Familien mit Kindern hier kennen gelernt. Deshalb fühlen wir uns sehr integriert und nicht als Aussenseiter im Quartier. Ich bin auch gemeinsam mit Dani (Gemeinschaftszentrum) und Dalibor im Quartiersverein tätig. Die Frage, die wir uns stellen, ist, ob wir uns im Quartier gut durchmischen, momentan leben wir alle gut nebeneinander, es gibt kaum Konflikte. Es wird sich zeigen, ob die verschiedenen Sozietäten eine gemeinsame Sprache finden und es nicht nur ein nebeneinander leben ist.

Warum gibt es diese soziale Barriere?

Ich glaube es hat mit den Interessen der Quartierbewohner zu tun. Ich spiele jeweils donnerstags Fussball, dort ist es tatsächlich durchmischt und es funktioniert wunderbar: Fussball ist unser gemeinsames Interesse und darüber können wir alle egal mit welchem kulturellen Hintergrund sprechen. In anderen Bereichen verbinden uns höchstens die Kinder. Was mir auch auffällt, ist, dass ich und Leute, die ich hier im Quartier kenne, eher weniger mit Leuten zu tun haben, die Handwerker oder Hilfsarbeiter sind, es hat irgendwo also auch mit der Bildungsschicht.

Wirst du deine Kinder hier in die Schule schicken?

Natürlich habe ich wie die meisten bildungsnahen Eltern Angst, dass das Bildungsniveau meiner Kinder herabgesetzt wird. Wenn ich Angst habe, dann dort. Wir werden sicher darauf achten, dass unsere Kinder nicht in eine Bildungsspirale geraten, die nach unten geht. Momentan sind unsere Kinder noch zu klein, sie gehen noch in den Kindergarten.

Ich habe gehört, die Schulklassen hier seien sehr gross?

Ja, das ist auch so etwas. Das ist ein Grund, weshalb ich dem Quartiersverein beigetreten bin. So kann ich etwas machen und den politischen Druck auf die Stadt aufrechterhalten. Ein so durchmischtes Quartier wie die Grünau benötigt gerade im Schulischen viele Ressourcen. Ich bin überzeugt, dass das Projekt nur funktioniert, wenn die Eltern ihre Kinder hier in der Schule lassen. Wenn sie also nicht aus besagter Angst wegziehen oder ihre Kinder irgendwo anders in die Schule schicken. Wenn das passiert ist das Projekt gescheitert. Das wäre verheerend für das Quartier.

Ist Grünau immer noch isoliert?

Das ist nur eine gefühlte Sache. Die meisten die ich hier kenne, arbeiten in der Stadt und umgekehrt kommen Freunde aus der Stadt sie hier in der Grünau besuchen. Und die Werdinsel ist ja die Côte d’Azur! Ganz Zürich kommt deswegen hierher. Aber ich habe das Gefühl, dass Leute, die schon lange hier wohnen, sehr stark das Gefühl der Marginalisierung haben.

Inwiefern?

Ich muss hier etwas ausholen, es gab da diesen Unfall. Die Tramgleise waren früher nicht durch ein Gitter gesichert, man konnte locker durch das Gebüsch schlüpfen und über die Tramgleise laufen. Diese Gitter zu errichten, das wäre eigentlich keine grosse Sache gewesen, aber das Projekt wurde von Behörde zu Behörde geschoben. Bis dann eines Tages ein Kind vom Tram erfasst wurde und starb. Das war tragisch, ein Schock und doch wussten wir alle, das würde einmal passieren, wenn das Gitter nicht aufgestellt wird.

Hier in der Nähe passierte der tragische Unfall.

Schon lange vor diesem Unfall wurde ein Gitter gefordert.Ich habe mir damals selber den Vorwurf gemacht und mich gefragt: Wieso bin ich nicht selber auf die Schienen gesessen und habe protestiert? Nach dem tragischen Unfall gab es eine heftige Sitzung. Damals gab es noch eine Fundgrube in der Migros. Während der Sitzung, an der es eigentlich um diesen Vorfall ging, fielen plötzlich auch Sätze wie „Ihr vergesst uns hier aussen sowieso! Und diese Fundgrube, das ist eine Sauerei, beleidigend. So etwas würde es niemals am Züriberg geben!“ Und so weiter. Das Interessante war, dass wir Neuankömmlinge, «die Coolen aus Zürich», wir sahen das anders: Wir fanden, Migros Fundgrube? Das ist doch lässig! Wir haben das nicht als Marginalisierung empfunden. Ein Teil der alt eingesessenen hat aber gefunden, das ist jetzt typisch, dass man bei ihnen den Trash hinstellt. So gibt es verschiedene Wahrnehmungen hier. Wir hier von der Siedlung Werdwies, wir haben das Gefühl der Marginalisierung nicht.

Weitere Artikel zum Thema Grünau: Grünau - Das vergessene Bermuda-Dreieck.

  • Benjamin W. 05.4.2013 16.55 Uhr

    Und wo ist der denn, der Dok-Film? Oder sehe ich den Link einfach nicht?

  • Philippe Keiser 05.4.2013 17.06 Uhr

    Die Videos waren tatsächlich kurzzeitig verschwunden. Sind jetzt wieder oben. Viel Spass beim Schauen.

  • Benjamin W. 05.4.2013 17.26 Uhr

    Danke :)

  • markus h. 14.4.2013 16.24 Uhr

    schade bin erst 2005 zugezogen.
    tolle beiträge, danke!

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