Porny Days mit Kika Nicolela

Kika Nicolela ist eine brasilianische Künstlerin, die sich neben experimentellen Kunstvideos in den letzten Monaten ausgiebig mit Pornografie beschäftigt und sogar selbst einen Kurzporno gedreht hat. Als Kamerafrau, aber auch als Darstellerin.

Kika Nicolela hat einen wachen, äusserst aufmerksamen Blick und wenn sie redet oder in schallendes Lachen ausbricht, ist ihr die volle Aufmerksamkeit gewiss. Die Brasilianerin kam vor drei Jahren das erste Mal in die Schweiz. In der Roten Fabrik konnte sie als Artist in Residence während drei Monaten an ihren Experimentalfilmen arbeiten. Dann flog sie nach Brasilien, da ihr aber auch Zürich und die Schweiz gut gefielen, kehrte Kika schon bald hierher zurück. Seit letztem Herbst studiert sie nun an der ZHdK und wird den Master of Fine Arts abschliessen. Ihr Zürich-West-Büro an der Förrlibuckstrasse bietet ihr Ruhe, eine professionelle Ausstattung und den Luxus, es mit niemandem teilen zu müssen.

Die zwei Seiten der Kika Nicolela

In ihrer Videokunst beschäftigt sich Kika mit menschlicher Interaktion: Das heisst es geht um Beziehungen zwischen Menschen und um die Identität von einzelnen Personen wie auch von Gruppen. Ausserdem interessiert sie sich für Situationen, die sie mit der Kamera künstlich erzeugt. Dabei geht es ihr darum, zu sehen, wie Leute reagieren, wenn sie merken, dass eine Kamera auf sie gerichtet ist.

ACTUS (2010) from kika nicolela on Vimeo.

"Filmemachen kann sehr einsam sein“, sagt Kika. So startete sie aus einem Gefühl der Isolation 2008 ein Gruppenprojekt auf dem Netzwerk von Art Review. Sie hatte die Idee, einen Film mit mehreren Künstlern zu produzieren, gleich dem surrealistischen Spiel Cadavre Exquis. Dabei geht es um das Spiel mit einem gefalteten Blatt, auf dem jemand eine Zeichnung beginnt, dem folgenden Zeichner jedoch nur die Ansätze seiner Zeichnung weitergibt, sodass dieser nicht weiss, an welchem Bild er weiterzeichnet. So entsteht aus mehreren Federn ein zusammenhängendes Bild. Genauso funktioniert das bei Kikas Exquisite Corpse Video Project (ECVP). Aber anstelle von Zeichnungen verwendet sie Kurzfilme. Alle Filmemacher erstellen 2 bis 3-minütige Videos, geben ihrem Nachfolger aber nur die letzten paar Sekunden weiter, damit dieser einen Ahnung hat, woran er anknüpfen kann.

Porn and Politics

Das Projekt stiess auf dem Künstlernetzwerk sofort auf grosse Zustimmung und seit 2008 sind bereits drei solcher Filme entstanden. Der vierte, der momentan gerade in der Entstehung ist, wird während den Porny Days in Zürich gezeigt. „Das heisst, die ersten 27 Minuten, die bisher zusammengekommen sind“, erklärt Kika. Das Projekt mit dem Thema Porn and Politics ist noch nicht abgeschlossen und manche Künstler sind noch mitten in der Produktion. Kika betont: „Es ist nicht MEIN Projekt, sondern das der gesamten Gruppe. Ich bin nur die Koordinatorin.“ Sie sammelt alle Kurzfilme, fügt sie zusammen und ist überdies Anlaufstelle für alle Künstler. Gesehen haben sich diese übrigens noch nicht oft, immerhin kommen sie aus allen Teilen der Welt. Alles läuft über das Internet. Dank diesem war die Zusammenarbeit mit Menschen aus allen Kontinenten überhaupt möglich. Kika stellt in diesem Zusammenhang, erleichtert lachend fest: „Kannst du dir vorstellen, wie froh wir alle waren, als Plattformen wie Dropbox oder We Transfer entstanden?“ So konnte auch der Künstler aus Südafrika seine Filme vollständig hochladen und musste nicht, wie zuvor, teilweise über Tage immer wieder einzelne Sequenzen schicken.

teaser - ECVP Volume 4 from ExCorpse Project on Vimeo.

Porno-Recherche

Die diversen Künstler haben sich, genau wie Kika, ausgiebig mit dem Thema Porno befasst. Sie haben recherchiert und dabei viel Neues und Unbekanntes entdeckt. So erklärt Kika beispielsweise, dass sie in einer Studie gesehen hat, „dass 70% aller Frauen regelmässig Pornos schauen, es jedoch nie in der Öffentlichkeit zugeben würden.“ Aus ihrer Sicht ein grosser Fehler. „Denn erst, wenn man offen über Sex, Erotik und Lust spricht, kann man dazu lernen und Erfahrungen austauschen.“ Kika versteht nicht, wie manche Menschen die Sexualität als Tabuthema sehen, wo es uns doch alle täglich betrifft. Als sie eine Künstlerin fragte, ob sie am Porn and Politics-Projekt teilnehmen möchte, verneinte diese entschuldigend. Sie könne gar nicht teilnehmen, weil sie noch nie in ihrem Leben einen Porno gesehen hätte und sich daher nicht mit dem Thema auseinander setzen könne – oder wolle. Dabei, so weiss Kika aus ihrem Freundeskreis, kann eine Öffnung gegenüber dem - zugegeben oft schwierigen - Thema Sexualität neue Wege öffnen. Eine Freundin von Kika, die den Sadomaso-Bestseller Fifty shades of grey gelesen hat, konnte mit ihrem Partner plötzlich neue, genussvolle, Erfahrungen sammeln. Und Kika meint dazu: „Auch wenn ein Buch noch so schlecht geschrieben ist, wenn es im Stande ist, dem Sexleben zweier Menschen neues Leben einzuhauchen, dann ist es doch irgendwo ein gutes Buch.“ Kika selbst ging für ECVP noch ein Stück weiter und drehte mit ihrem Freund einen Kurzporno. In ihren Recherchen ist sie auf japanische Pornografie gestossen und sagt, dass diese sehr speziell sei. Da die Genitalien von Frau und Mann verpixelt widergegeben werden, haben sich die japanischen Pornofilmer darauf spezialisiert, den Fokus der Erotik weg von Penis und Vagina auf andere Körperteile zu konzentrieren. So erfanden sie in den 90ern, gemäss Kika, die „Mode“, der Frau das Sperma ins Gesicht zu spritzen. Diese sogenannten „Facials“ haben Kika fasziniert und sie wollte etwas Ähnliches drehen. Dazu brauchte sie Darsteller und fand am Ende sich selber und ihren Freund als perfekte Besetzung. „Natürlich hat uns der Dreh einer solch intimen Handlung grosse Überwindung gekostet“, sagt Kika. Doch da die beiden ein sehr grosses Vertrauen zueinander hätten, gelang dieser dann sehr gut und ohne grosse Vorbereitungen.

Porny Days

Wegen solchen neuen Erfahrungen ist Kika auch der Meinung, dass das Sexfilmfestival Porno Days nicht nur etwas für Kenner ist, sondern, dass sich möglichst viele Menschen den einen oder anderen Film auf dem Programm ansehen sollten. Sie hofft, dass möglichst viele Frauen am Sexfilmfestival zu sehen sein werden, denn diese hätten einiges aufzuholen. Kika Nicolelas Favorit ist der Stummfilm-Porno aus den 1920er Jahren, der am Freitag im Kino Roland läuft.

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