Nachts am Sihlquai

Von hart arbeitenden Frauen, über Spiessbürger bis hin zu zwielichtigen Gestalten trifft man fast alles am Sihlquai. Auf dem Strassenstrich unterwegs sind auch die Mitarbeiterinnen der Frauenberatung Flora Dora. Einen Abend lang habe ich sie begleitet.

Viele sind über diese Tage nach Hause gefahren. Zu den Eltern, zum Liebsten, zu den Kindern. Vertrieben von der Kälte, angetrieben vom Wissen um das Januarloch, haben sie Zürich für ein paar Wochen den Rücken gekehrt. Die vier Frauen, die an diesem Abend nahe beieinander auf einem weichen Ledersofa sitzen, sind geblieben. Vielleicht, weil sie sich die Rückreise nicht leisten können. Vielleicht aber auch, weil es zu Hause nicht besser ist als hier. Alle sind sie noch sehr jung, die Älteste keine 25, und alle arbeiten sie auf dem Strassenstrich am Sihlquai.

Der Raum, in dem sich die vier Frauen angeregt unterhalten, wirkt einladend: Das Licht ist gedämpft, überall sind kleine Kerzen aufgestellt, und an einer Bar werden Tee, Kaffee und Süssgetränke angeboten. Auf einem Tischchen stehen Salzstängeli und ein Dildo mit übergezogenem Präservativ. Im Hintergrund läuft Salsa. Man vermutet eine Party, tatsächlich aber findet hier der allwöchentliche Infoabend der Frauenberatung Flora Dora für Sexarbeiterinnen statt. Die Beratungsstelle leistet seit Beginn der neunziger Jahre Präventionsarbeit auf dem Zürcher Strassenstrich. „Unser Ziel ist es, die Frauen gut – vor allem gesund – über die Zeit zu bringen, in der sie anschaffen“, sagt Ursula Kocher, Leiterin von Flora Dora.

Zu ihren Anfängen betreute Flora Dora vorwiegend drogenabhängige Frauen, heute vermehrt Migrantinnen. Die Frauen auf dem Ledersofa stammen aus Ungarn. Sie kichern schüchtern, wirken etwas unsicher. Es ist schwierig mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ihr Misstrauen gegenüber Fremden ist gross und die Sprachbarriere erschwert die Kommunikation zusätzlich. „Selbst für uns ist es manchmal nicht einfach zu verstehen, was in den Frauen vorgeht“, sagt Manuela, Sozialarbeiterin bei Flora Dora, und fügt an: „Die Welt, in der sich die Frauen bewegen, ist eine Welt für sich. Komplett den Durchblick haben auch wir nicht.“

Die wenigsten der Frauen sind in ihrer Heimat je aufgeklärt worden: „Der weibliche Zyklus, Präservative, Rechte – für viele sind dies Fremdwörter“, weiss Kocher. Auch der Dildo, den die Frauen übungshalber zum Überstreifen von Kondomen verwenden, sei ihnen fremd. So fremd, dass sie sich manchmal nicht getrauen ihn anzufassen.

Manuela und Dominique, die ebenfalls für Flora Dora arbeitet, beginnen mit dem durchzappen der PowerPoint-Präsentation. Eine Dolmetscherin übersetzt. Was in den folgenden Minuten gesagt und gezeigt wird, mag selbstverständlich erscheinen. Für die anwesenden Frauen ist vieles davon neu. Zum Beispiel der Appell, sich von den Freiern nicht alles gefallen zu lassen. Oder die Tatsache, dass Kondome vor Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten schützen. Das mit den Kondomen sei sowieso ein Problem, meint Kocher: „Viele Männer wollen heutzutage wieder ohne Gummi. Wir bestärken die Frauen darin, auf geschütztem Sex zu bestehen, auch wenn der Druck, möglichst viele Freier zu machen, natürlich gross ist.“

Nicht alle Sexarbeiterinnen wissen so wenig über das Metier, in dem sie arbeiten. Es gibt auch die anderen, die Profi-Frauen, wie sie genannt werden. Die wissen wie der Hase läuft. Früher traf man sie am Sihlquai noch öfters, heute nur noch selten. „Zuerst haben die drogenabhängigen Frauen die Preise gedrückt, dann die Osteuropäerinnen. Das hat die Profis vertrieben“, weiss Marianne. Die Sozialarbeiterin arbeitet seit zehn Jahren bei Flora Dora. Sie berät Frauen und begleitet sie – in Gerichtsprozessen, bei der Wohnungssuche oder bei Arztbesuchen. Heute Abend arbeitet sie im Flora Dora-Bus. Der kleine Wohnwagen steht montags bis samstags, von 21.00 bis 01.00 Uhr, auf dem Strassenstrich und dient den Sexarbeiterinnen als geschützte Zone.

Die Frauen können im Bus Präservative aller Couleur beziehen -und auch gleich üben, sie überzuziehen.

Vor dem Bus steht eine Mitarbeiterin der sip züri. Ihre Aufgabe ist es, den Wagen vor aufdringlichen Freiern, Gaffern und Zuhältern abzuschirmen. Problematisch seien die Freier jedoch selten. Mühe bereiten eher Nicht-Freier, wie neugierige Halbwüchsige oder vorbeifahrende Autofahrer, welche die Prostituierten beschimpfen. Das bestätigt auch Marianne: „Was die Sexarbeiterinnen von den Autofahrern alles zu hören bekommen, ist beschämend. Letzthin hat einer den Frauen sogar einen Eimer mit gelber Farbe angeleert.“ Die Bustür öffnet sich. Es ist eine der Ungarinnen, die zuvor an der Infoveranstaltung teilgenommen hat. Mit einem schüchternen Lächeln betritt sie den Wagen, greift sich eine Handvoll der angebotenen Präservative und huscht wieder nach draussen auf die dunkle Strasse.

Ein Interview mit der Frauenberatungsstelle FIZ zum Sihlquai findet sich hier

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