Meine erste Tramfahrt

Foto: Alberto Venzago

Kann sich eigentlich noch jemand an seine aller erste Tramfahrt erinnern? Meistens ist das ein sehr spannendes und unvergessliches Erlebnis. Genau so war es damals bei mir. Erst letztens schossen mir die Bilder durch den Kopf – Erinnerungen – welche fast in Vergessenheit gerieten, obwohl sie so eindrucksvoll und schön sind.

Es war irgendwann zwischen 1993 und 1996. Obwohl ich in diesen Jahren sehr jung war, prägte mich diese Zeit stark. Es war gerade Krieg in meinem Heimatland Bosnien und meine Familie war in grosser Gefahr. Zum Glück konnte meine Grossmutter damals fliehen und sie fand Zuflucht in der Schweiz. Zusammen mit anderen Flüchtlingen wohnte sie mitten in Zürich an der Manessestrasse. Man muss sich das mal vorstellen: Raus aus dem Dorf, in welchem Krieg war, rein in die moderne Schweizer Stadt. Obwohl die neue Sprache und die ungewohnte Umgebung meiner Grossmutter anfangs Mühe bereiteten, die Tramlinien hatte sie schnell im Griff. Es ging nicht lange, bis meine Granny zur "Fahrplan-Expertin in Person" wurde.

Da ich in den Bündner Bergen aufwuchs, kannte ich das Stadtleben nicht. Ein Besuch bei meiner Grossmutter liess mich in eine neue Welt eintauchen. Die Vorfreude war riesig, denn ich wusste, dass wir viel unternehmen würden. Wir gingen zu einem Flohmarkt, meinen Recherchen zufolge muss es der Bürkliplatz-Flohmarkt gewesen sein. Und dann der spannende Moment: Ich und meine Grossmutter betraten Hand in Hand das Tram. Welche Haltestelle und welches Tram weiss ich natürlich nicht mehr. Ich erinnere mich allerdings wie ich zu ihr hinauf blickte, es war alles so neu, aufregend und für ein scheues Mädchen aus dem Dorf vielleicht auch ein wenig beängstigend. Ich war so klein, dass ich nur auf Zehenspitzen einen Blick aus den Fenstern erspähen konnte. Ich erinnere mich an orange, blaue und weisse Flächen im Tram. Ich blickte erneut zu meiner Grossmutter, sie hielt noch immer meine Hand. In ihren Augen spiegelte sich ihr schicksalhaftes Leben und doch lächelte sie mich an. Sie lächelte, Geborgenheit. Die Menschen im Tram jedoch verzogen keine Miene. Triste Gesichter, nachdenklich und stumm schauten sie aus den Fenstern. Ich fragte meine Grossmutter: „Wieso schauen alle so traurig?“ Diese urbane Stille war mir neu. Ich kann mich nicht mehr an die Antwort erinnern, es überwiegen Bilder des fahrenden Trams, Haltestelle für Haltestelle zog es an der städtischen Kulisse vorbei.

Kaum zu glauben, dass aus dem staunenden kleinen Mädchen mit goldenen Locken heute ebenfalls ein vollintegrierter Stadtmensch geworden ist. Ich bin auch eines dieser leeren Gesichter, wie sollte es auch anders sein. Es wäre schliesslich etwas komisch, wenn ich ununterbrochen durch die Gegend strahlen würde, obwohl ich noch heute gerne Zürichs Strassen mit dem Trämli abklappere.

  • Narcisa Alomerovic 11.7.2012 12.55 Uhr

    wow Sena schön so mal wieder in alten Erinnerungen zu stöbern... wenn Granny noch leben würde, ich bin sicher sie könnte dir ganz genau sagen welches Tram welche Haltestelle welcher Flohmarkt es war... danke für die Reise

  • Sena Haralcic 12.7.2012 11.16 Uhr

    da bin ich ganz deiner meinung seki :)

  • Heinz Vögeli 12.7.2012 20.36 Uhr

    Sehr schöne Geschichte.
    Heinz Vögeli

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