Mary and Johnny

Da muss ja was dran sein, dachte ich mir, wenn sich die gesamte deutschprachige Medienlandschaft der Schweiz zusammentut, um den CH-Film “Mary and Jonny” einen Monat vor Erscheinen zu promoten (44 gezählte Artikel Online/Print). Oder waren es nur die mit zürcherischem Hauptsitz?
Die Werbung verfehlte ihre Wirkung nicht und ich beschloss meinen Beitrag zum Erhalt des schweizerischen Filmschaffens zu leisten.

Handlung

Party ist rund ums Bellevue und den hiesigen Gewässern Limmat und Zürisee angesagt. Das nahende Finale der Fussball-WM 2010 vermag im Gegensatz zur EM 2012 die Leute noch in Feierlaune zu bringen und das “Zürifäscht” setzt dem ganzen Trubel die Krone obenauf.

Mary (Die Kleiderstange) und Johnny (“gseht us wie dä Pete Doherty vo de Babyschämblers”) sind die beiden Hauptprotagonisten, die auf der Chilbi nach einem bösen Streit getrennte Wege gehen. Während der nächtlichen Odyssee in Zürich treffen beide immer wieder aufeinander, meist in Begleitung zwielichtiger Gestalten, die die beiden noch weiter auseinanderbringen. Johnny trifft auf den “Grobian” Mischa, der gerne seine Freundin Fränzi schlägt (“So tüe richtige Manne”), Portemonnaies klaut und nie um einen Spruch verlegen ist. (“Cho eifach d’Schnorre ned hebä”) Mary flirtet derweil mit dem soziopathischen und undurchsichtigen Schönling Hostettler und landet später in Gesellschaft des schmierigen Fussballfunktionärs Sepp mit seinem holländischen Kollegen (de Grüsel). Je weiter die Nacht fortschreitet, desto stärker schwindet das Bewusstsein durch Alkohol und Drogen. Immer tiefer dreht sich die Spirale aus Gewalt und Ekstase, bis es schliesslich bei Sonnenaufgang zum Höhepunkt, dem dramatischen letzten Akt kommt.

Impression

Ein Film der in Zürich spielt und im dokumentarischen Stil von einem Off-Sprecher in Berndeutsch gesprochen wird? Gahts no? Im ersten Moment war ich sprachlos, doch hielt der Gedanke nur kurz an und rasch zog mich die angenehm kratzige Stimme von Marcus Signer (Mischa) ein. Seine leitender Monolog als Sprecher und die witzigen Sprüche in der Rolle als Mischa (“Ich cha nöd schwümme! - Wotsch äs täfeli arms buebi?”) gaben der Handlung eine Art Rahmen, in dem sich die wirren und verschwommenen Bilder der Partynacht frei bewegen konnten, ohne dass man den Faden verlor.

Mit der Besetzung von Mary durch Nadine Vinzenz hat man wohl ein bisschen auf den Aha-Effekt und Promibonus setzen wollen.

“Wieder Eine, die mal ein Krönchen auf dem Köpfchen tragen durfte und sich jetzt als Schauspielerin versucht”, wird sich wohl so manche/r gedacht haben.

Jedoch gelingt es der Ex-Miss, ihre Rolle als Tussi überraschend gut zu mimen. Die mit bedeutungslosen Argumenten geführten Streitereien mit Johnny sind überzeugend gespielt und liessen schnell das Wort “Schlampe” im Geiste aufkommen. Am besten gefiel mir jedoch, dass ihr Make-up nach einer durchzechten Nacht wirklich verschmiert war und die hübsche “Kleiderstange” einmal echt “Scheisse” aussah.

Philippe Grabers Darstellung des unverstandenen Musikers mit grossen Augen (“Er müesst so Ouge ha wiä dä, wo de Spiderman gspöult het”) wirkt authentisch. Seine Passivität lässt den Zuschauer ab und an dazu verleiten, ihm einen gezielten Tritt in den Hintern geben zu wollen.

Besonders hervorzuheben ist auch der Soundtrack, der die Zuschauer von Beginn an mitreisst. Gleich einer Achterbahnfahrt begleitet die Musik durch die grellen Bilder des Films und vermischt sich zur perfekten Illusion einer rauschenden Partynacht.

Fazit

Ein ungewohnt wütender und ehrlicher Schweizer Film mit glaubwürdigen Darstellern und genialem Soundtrack.

http://www.maryandjohnny.ch/

«En Summer wie de» Videoclip from kamm(m)acher gmbh on Vimeo.

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