Lindas Sexkolumne Ferienspezial – No Time To Pretend

Ein spontaner Kurztrip nach Cannes? Why not! Bereuen kann man später noch, aber umso besser, wenn es gar nichts zu bereuen gibt. Not one fucking thing!

Montag, 11.10 Uhr, Milano. Nicht da, wo ich gerade sein sollte, aber wann bin ich das je. Stimmung: Müde bis zum Umkippen, voller Hoffnung, es irgendwann doch noch nach Zürich zu schaffen und gleichzeitig schmerzt es, gehen zu müssen. Bereits die Ankunft hatte sich schwierig gestaltet. Der erste Zug fiel aus, der Ersatz kam zwar, jedoch mit zwei Stunden Verspätung – Standard in Italien. Dann, in Mailand, hopp, hopp, los: Roadtrip. Eine ranzige Raststättenpizza und ein Pipihalt später kamen wir um ein Uhr morgens in Cannes an. Gerade rechtzeitig für den Ausgang also. Um zwei standen wir auf der Gasse, tranken hier und dort, mal mehr, selten weniger, waren plötzlich zu fünft, kommunizierten in vier verschiedenen Sprachen und fanden irgendwann nach drei Uhr, es wäre doch mal an der Zeit, dem VIP Room einen Besuch abzustatten. Eine gute Wahl. Voll war es und heiss und eng und laut, genau wie es sich gehört. Bald fühlten meine Reisebegleitung Ewan McGregor – nein, nicht der Schauspieler – und ich uns ein bisschen zu beobachtet und hauten deshalb auf die Dachterrasse ab, wo wir den Ausblick auf Palmen, Yachten und das glitzernde Meer genossen und dann, wie eines zum anderen kam, ein bisschen rummachten und dann ein bisschen mehr als rummachten und dann, naja. Leider wurden wir von einem Security rausgeschmissen, darum suchten wir uns ein lauschiges Plätzchen im Treppenhaus und, naja. Danach ging es ab an eine Afterparty in einem winzigen Club, in dem bloss Nutten und Schwule einkehrten. Und wir. Irgendwann hatte sogar ich genug getanzt und als wir hinaus ins grässliche Tageslicht traten, war es bereits halb sieben. Schleunigst machten wir uns auf nach Hause, um, naja, und dann eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.

Neuer Tag, neue Party, diesmal am Nikki Beach, den ganzen Nachmittag lang mit Vodka und Malibu am Strand getanzt, Sonnenbrille auf und Schuhe aus. Es liess sich gut erkennen, wer bereits ein bisschen Koks genascht hatte, nämlich diejenigen, die zu den House Beats ihren zugedröhnten Leib schüttelten. Trotzdem waren es Ewan und ich, die am meisten abgingen, beflügelt durch die Sonne und leichtsinnig durch zu wenig Schlaf und zu viel Vodka. Nebenan am Baoli Beach lief auch Musik, mit der Zeit sogar bessere, also wechselten wir und fanden uns in Mitten einer Gruppe feierwütigen italienischen Models wieder, mit denen wir die Sofas auseinandernahmen und auf den Tischen tanzten. Nach einem kurzen Schläfchen und einigen energieabbauenden Aktivitäten brauchten wir eine fettige Basis, um den Restalkohol aufzusaugen und den baldigen Nachschub problemlos aufzunehmen. Nie hätte ich erwartet, dass es ausgerechnet in Frankreich passieren würde, aber ich bekam in einem kleinen Restaurant in einem Seitengässchen die beste Pizza meines Lebens serviert. Nicht einmal das Rosso an der Geroldstrasse konnte da mithalten. Nach Pasta – Pizza gilt ja nur als Vorspeise – und dringend nötigem Verdauungsspaziergang blieben wir unserem alten Muster treu und becherten lokale, wie auch östliche, Spezialitäten, bis es uns zu den Ohren rauslief und wir bereit für Nacht Nummer zwei waren.

Wo uns die warme Nachtluft genau hingetrieben hatte, kann ich nicht sagen, aber unser lokaler Experte wusste schon was er tat, denn nach einer kurzen Fahrt standen wir zusammen mit etwa zweihundert anderen Leute vor dem Eingang des Gotha. Zum Glück kannten wir zwar nur jemanden, aber der war der Richtige, denn keine Minute später hatten wir uns an der Schlange vorbeigeschlängelt und feierten bereits mit der begeisterten Menge. Das heisst, feiern ist gar kein Ausdruck, ich war dreimal gestorben und im Himmel wiedergeboren, denn wie es meine Glücksgöttin so geschickt eingefädelt hatte (Kompliment an dieser Stelle an diese übrigens für das gesamte Wochenende!), legte kein geringerer als Joachim Garraud auf! Wir tobten was das Zeugs hielt, später tobten nur noch die Menge und ich – der klaustrophobische Ewan hatte sich inzwischen nach draussen verzogen; aber irgendwann wurde auch mir der unfreiwillige Körperkontakt zu intensiv und ich machte mich auf die Suche nach Ewan und dem Experten. Statt diesen fand ich zwei anglophile Franzosen, die gerne Afterparty mit mir in ihrer Villa gemacht hätten. Ich jedoch nicht so gerne mit ihnen, darum ging ich zurück zu Joachim, lief unterwegs am VIP Bereich vorbei und wurde sogleich geschnappt und auf ein schwarzes Polster verfrachtet, von wo aus es sich auch recht angenehm tanzen und trinken liess.

Lustigerweise waren einige der Lounge Besitzer Zürcher, was fast zu erwarten war, weil wir, obwohl in einer kleinen Zahl vertreten, uns wie eine Seuche in der Welt ausbreiten. Der Rest kam aus Serbien, darunter auch Boris, der um einiges besser aussah, als sein Name vermuten lässt. „Namen sind unbedeutend“, philosophierte Boris, als ob er meine Gedanken gelesen hätte. „Heute Nacht kommt es nur auf eines an“, sagte er und schob seine Zunge in meinen Mund. „Why not“, dachte ich und spielte ein Weilchen mit, bis Joachim keinen Bock mehr zum Auflegen hatte und als Abschluss sein fantastisches Intro laufen liess. „Wenn Joachim geht, gehe ich auch“, beschloss ich und wechselte die Lounge. Ewan kannte wen und darum feierten wir mit dieser Truppe weiter dem Morgengrauen entgegen. Müde, aber glücklich, verliessen wir beinahe als Letzte den Club und sanken kurz darauf in unsere Bett, wo wir, naja. Der nächste Nachmittag kam viel zu schnell und als wir um drei aufwachten und entsetzt feststellten, dass wir unsere geplante Abfahrtszeit bereits verpasst hatten, blieb gerade genug Zeit für eine Dusche und einen Schokocroissant. Der überstürzte Abgang hatte jedoch den Vorteil, dass wir gar nicht darüber nachdenken konnten, wie ungern wir diesen Ort verliessen. Fast hätte ich es geschafft und wäre ohne Trauer davongekommen, aber dann liess Ewan „Time to Pretend“ von MGMT laufen und da erwischte sie mich mit voller Wucht, die bittersüsse Melancholie. Weil „Time to Pretend“ das perfekte Lied ist – für Cannes, für Ewan, für die beste Zeit des Lebens.

Den letzten Zug hätte ich trotz verspäteter Abfahrt geschafft, hätte nicht irgendein Unglücklicher einen riesen Unfall auf der Autobahn gebaut. Die Folge: zwei Stunden Stau. Um uns die Zeit zu vertreiben, verbarrikadierten wir uns im Auto und, naja. Dann ging es endlich weiter und auch wir machten noch ein wenig während der Fahrt weiter, was sicherheitstechnisch nicht unbedingt empfehlenswert ist, aber eine langweilige Fünfstundenfahrt ist auch nicht unbedingt empfehlenswert. Jedenfalls war der letzte Zug längst abgedampft, als wir es endlich bis nach Mailand geschafft hatten. Darum musste Ewan sich eine weitere Nacht mit mir rumplagen und ich kam in den Genuss der besten Eiscreme von ganz Mailand, wie mir versichert worden war. Um Mitternacht fielen wir todmüde ins Bett, jedoch nicht zu erschöpft, um ein letztes, langes Mal, naja. Und nun, nun hocke ich im Milano Centrale und warte mit einer geschätzten Million anderer Leute auf den Zug nach Hause, der schon wieder Verspätung hat. Aber ich habe es nicht eilig, weg zu kommen. Obwohl man nie wissen kann, was mich daheim erwartet. Schön ist das Gefühl, in jede Richtung gehen und sich dabei gleichermassen freuen zu können.

Weitere Sexkolumnen: Das Dilemma eines Deppen

What’s up? WhatsApp!

Lustige Spiele mit Gertrud

Hard Stop

(Nicht) nur Bälle im Kopf

Mr. Tiny

Karte wird geladen ...

Logo VBZ Logo Westnetz