„ICH HABE NICHTS GEGEN HOCHHÄUSER“

Min Li Marti (38) ist stellvertretende Generalsekretärin bei der SP Schweiz und leitet in Bern die Abteilung Kampagnen und Kommunikation. Seit zehn Jahren ist sie SP-Gemeinderätin für die Sektionen 4&5 und befürchtet, dass Zürich-West zu einem Schlafquartier wird.

Guten Morgen, Min Li Marti. Was verbindet dich mit dem Kreis 5?

As ich 1995 nach Zürich zog, hatte ich an der Luisenstrasse meine erste Wohnung. Wir waren zu dritt in einer kleinen 3-Zimmerwohnung mit einer Dusche in der Küche, das war ziemlich eng. Seit 2002 bin ich Mitglied des Gemeinderats der Stadt Zürich und seit 2009 Fraktionspräsidentin der SP-Fraktion. Ich wohne heute aber im Kreis 3, da ich in Zürich-West nichts finden konnte. Aber da bin ich nicht die einzige!

Arbeitest du auch in Zürich?

Wir haben Parteisitzungen in Zürich, aber ich pendle viermal in der Woche nach Bern. Dort arbeite ich noch bis Ende Oktober bei der SP Schweiz als Leiterin der Kampagnen- und Kommunikations-Abteilung. Zusammen mit Andrea Sprecher, die momentan im Mutterschaftsurlaub ist, führen wir ein Team und sind zuständig für Abstimmungs- und Wahlkampagnen.

Hat sich der Kreis 5 zum Guten oder zum Schlechten verändert?

Dazu gibt es zwei Aspekte. Einerseits ist es gut, dass man die Drogenproblematik in den Griff bekommen hat. Mit dem Letten und dem Platzspitz traf man damals auf zahlreiche Junkies in den Hinterhöfen des Quartiers. Das war sehr unschön, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen.

Und andererseits?

Auf der anderen Seite ist das Gebiet sehr populär geworden, und die Mieten sind teilweise massiv gestiegen. Das ist der negative Aspekt. Die Stadt ist einfach viel zu attraktiv geworden. Die Leerwohnungsziffer war in Zürich schon immer sehr klein. Die Frage ist, ob das Angebot mit der Nachfrage mithält. Es gibt natürlich Wohnungen auf dem Markt, aber die kann sich praktisch niemand leisten.

Was kann man dagegen tun?

Im Kreis 5 ist der Anteil Wohnungen, die der Stadt gehören oder genossenschaftlich gebaut werden, mit mehr als einem Viertel bereits sehr hoch. Das Angebot muss aber weiterhin erhöht werden.

Wie sieht es aus mit Verdichtungskonzepten?

Ich finde es immer lustig, wenn ein Toni Brunner sagt, man muss mehr verdichten. Die Stadt ist bereits sehr verdichtet und wenn alle stadtgemäss wohnten, hätten wir keine Probleme. Ich habe nichts gegen Hochhäuser, aber sie sind ökologisch-energetisch nicht ganz optimal. Die beste Form von Verdichtung sind die klassischen Blockrandbebauungen, wie man sie in der Limmatsiedlung oder an der Heinrichstrasse gebaut hat. Die Architektur ist Geschmacksache, aber sie sind viel effizienter als Hochhäuser und passen gut ins Quartier.

Was ist das grösste politische Problem in Zürich-West?

Das Quartier lebt nicht richtig. Es ist wahnsinnig viel entstanden und trotzdem ist es ein totes Quartier. Es gibt viele Arbeitsplätze, aber es fehlt an Infrastruktur. Ein anderes Problem ist die Ausgangsmeile mit ihren Folgeeffekten. Wenn man hohe Mieten bezahlt, möchte man keinen Lärm, Abfall oder Gewalt vor der Haustüre.

Sollte der Strassenstrich an der Langstrasse auch verschwinden?

Das ist doch eigentlich gar kein Strich mehr. Also wenn man jetzt nicht grundsätzlich darüber redet, ob man Prostitution gut- oder schlechtheisst, so dürfen die zwei, drei Frauen am Strassenrand gerne da bleiben. Das grössere Problem ist die Ausgehmeile und dass sich viele Leute nicht bewusst sind, dass es gleichzeitig ein Wohngebiet ist. Es braucht eine gewisse Grundrücksichtnahme, aber ob man dies gesetzlich regeln kann, ist eine andere Frage.

Deine Parteikollegin, Jacqueline Badran, findet die bauliche Entwicklung in Zürich-West katastrophal. Bist du derselben Meinung?

Sie hat teilweise schon Recht mit Ihrer Kritik. Die Investoren, welche in Zürich-West Land besitzen und darauf bauen, verdienen viel Geld und beteiligen sich kaum an der Infrastruktur. Trams und Parks sind nicht gratis. In den 90er Jahren war man pleite und freute sich über jeden, der investierte. Heute sind wir in einer anderen Situation und müssen aufpassen, dass niemand aus der Stadt verdrängt wird. Ein grosser Teil der viel gerühmten Zürcher Lebensqualität besteht darin, dass in allen Quartieren eine gute Durchmischung vorhanden ist. Es braucht auch Platz für Leute mit weniger Geld

Wird zu stark aufgewertet?

In Zürich-West war davor halt nichts ausser Industrie, Aber ein gewisser Druck ist schon vorhanden. Vielleicht kann man es mit Zürich-Nord vergleichen, das eine ähnlich rasante Entwicklung durchgemacht hat. In Neu-Oerlikon gibt es heute Wohn- und Arbeitsplätze, aber kein Quartierleben. Es braucht eben auch Kaffees, Restaurants und Geschäfte! Diesen Fehler dürfen wir in Zürich-West nicht wiederholen.

Bist du zuversichtlich?

Eine Stadt lebt auch davon, dass sie sich verändert. Wir können nicht davon ausgehen, dass immer alles so bleibt wie es jetzt ist. Vielleicht ist dies auch gar nicht wünschenswert. Alle haben diese Manhattan-Fantasie von Zürich-West, aber wir wissen gar nicht, ob diese Urbanität hierzulande funktioniert. Nichtsdestotrotz ist es spannend, dass etwas passiert und ich glaube nicht, dass alles den Bach runtergeht, nur weil in Zürich-West ein paar Hochhäuser stehen.

Homepage Min Li Marti

Jeden Mittwoch: Interviews mit Politikern, die Zürich-West prägen:

Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin

Karin Rykart Sutter, grüne Gemeinderätin für Zürich 4&5

Carmen Walker Späh, FDP-Kantonsrätin

Elisabeth Schoch, Präsidentin FDP Zürich 4&5

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