„Ich habe mir so die Freiheit bewahrt, mich nicht festlegen zu müssen“

Marco Spitzbarth ist als Blogger bei westnetz.ch seit den Anfängen dabei; der erste Beitrag ist auf den 22. November 2011 datiert. Seither nimmt er sich die Freiheit, zu schreiben, was ihm gefällt. Lustig, kritisch und provozierend. Marco schreibt frisch von der Leber weg und mag sich nicht auf ein Ressort beschränken.

„Experimentieren“ heisst das Motto, das Marco in allen Lebensbereichen zu begleiten scheint. Ob als Blogger, Programmierer oder Künstler, seine ganze Arbeit unterliegt diesem Drang, Neues auszuprobieren und kreativ umzusetzen.

Der gelernte Kunststofftechnologe hatte schon immer eine Affinität zur Computerwelt. Sein Vater besass bereits in den 90ern ein Modem und einen der ersten Macs, den SE/30.

„Ich war nie der Programmier-Nerd à la Windows“, sagt Marco. „Aber das Web war meine Leidenschaft. Mit 13 Jahren habe ich mit Hilfe von Java-Scripts meine erste Internetseite gebaut. Dort musste ich nur die Wert verändern.“

Später lernte er die Auszeichnungssprache HTML von Grund auf zu lesen und schreiben. Während seiner Lehrzeit folgten die ersten Aufträge für verschiedene Homepages. Mit den Jahren erweiterte Marco seine Kenntnisse im Programmieren um die Stylesheet-Sprache CSS, die Script-Sprache PHP und MySQL. Durch intensives Lernen mit Fachliteratur und Online-Tutorials eignete sich der Autodidakt sein Wissen an.

Aus reinem Zeitvertreib entwickelte sich auch seine zweite Leidenschaft: das Malen.

„Ich hatte schon immer gern gezeichnet“, erzählt Marco in seinem Atelier. „Die Zeichnungen haben mir etwas zurückgegeben.“

Marcos bisheriges Hobby, der Pontoniersport (auch Weidlingfahren genannt), musste bald schon kürzer treten. Das zehnte Schuljahr absolvierte er mit dem Schwerpunkt Gestaltung. Der Sprung in die Kunst gelang ihm aber nicht. Seine Bewerbungen für den „Gestalterischen Vorkurs“ in Basel und Zürich wurden nicht angenommen. Sein Stil sei bereits zu fest erkennbar, teilte man ihm mit.

Seine beiden Leidenschaften, Programmieren und Kunst, machte Marco auch ohne entsprechende Ausbildung zum Beruf. In seinem Atelier im Basislager an der Aargauerstrasse arbeitet er regelmässig an seinen Werken oder bastelt an Internetprojekten. Dass sich die beiden scheinbar unterschiedlichen Arbeitsfelder nicht im Weg stehen, erklärt er so:

„Kunst und Logik passen sehr gut zusammen. In der Kunst gibt es eine gewisse Systematik wie beim Programmieren. Gerade Kunstwerke haben eine gewisse Symmetrie, die wir unbewusst wahrnehmen und deshalb als schön empfinden.

Ein Programmcode kann wiederum ästhetisch sein. Von Aussen sind es nur Buchstaben und Zahlen und viele Programme ähneln sich auch im Aufbau. Wie man es aber umsetzt, bleibt der eigenen Kreativität überlassen. So entdecke ich jedes Mal eine neue Seite an meiner Arbeit.

In der Kunst ist es dasselbe. Jede Technik ist schon mal angewendet worden. Es liegt am Künstler, diese neu zu erfinden.“

Warum sich Marco mit 30 Jahren noch immer in diesem Prozess des Experimentierens befindet, führt er auf seine fehlende Ausbildung zurück.

„Eine Ausbildung legt dir automatisch Fesseln an und lenkt deine Arbeit in eine bestimmte Richtung. Ich habe mir so die Freiheit bewahrt, mich nicht festlegen zu müssen.“ Er räumt ein: „Dafür kann ich aber nicht davon leben.“

Ein paar Bilder konnte er zwar schon verkaufen; den ganzen Zirkus mit den Ausstellungen mag er aber nicht sehr und so fliesst nur sporadisch Geld aus seiner Kunst in die Kasse. Mit Programmieren lässt sich hingegen einfacher etwas verdienen. 60 Prozent seiner Arbeitszeit wendet er dafür auf; trotzdem reicht es nicht. Um über die Runden zu kommen, muss er zusätzlich im Familienbetrieb im Verkauf mithelfen.

Marco entstammt einer alten Silberschmied-Familie, die noch traditionelle Handwerkskunst herstellt. Die Nachfrage nach Silberbesteck und Trinkbechern hat aber stark nachgelassen.

„Silber hat ein schlechtes Image“, sagt Marco kopfschüttelnd. „Heute denkt jeder gleich an schwarz angelaufenes Besteck. Dabei ist Silber viel wertiger und hält länger als Besteck aus Stahl.“

Wegen der geringen Nachfrage stellt der Familienbetrieb heute grösstenteils Schmuck wie etwa Trauringe her. Das Material ist meist Gold, da die Arbeitszeit im Verhältnis zum Erlös einer Silberarbeit zu teuer geworden ist.

Der Gedanke, alle Karten auf die Kunst zu setzten, ist verlockend. Doch ist Marco genug Realist, um zu wissen, dass er von der Kunst nicht leben kann.

„Es zerreisst mich manchmal, den Sprung in die Kunst nicht zu wagen“, gibt er offen zu. „Zwingen geht aber nicht, denn den Kunstbetrieb kann man nicht planen. Das Timing ist sehr wichtig.“

Problematisch sieht er auch die Zusammenarbeit mit Galerien. 50 Prozent des Verkaufserlöses geht an den Galeristen. Eine Garantie, seine Werke zu verkaufen, gibt es aber nicht.

Auch wenn die Kunstkarriere noch nicht ganz ins Rollen gekommen ist: Marco arbeitet fleissig in seinem Atelier im Basislager an neuen Werken. Die Containersiedlung am Rande von Zürich-West dient Künstlern, Architekten, Handwerkern und vielen mehr als Arbeitsort. Die erschwingliche Miete für das 25 Quadratmeter grosse Atelier kommt ihm sehr entgegen. Als einer der ersten Mieter hatte er sich im Mai 2008 am alten Standort an der Binz eingemietet. Nach vier Jahren (zwei mehr als geplant) musste das Basislager auf dem Areal der Swisslife einem neuen Gebäude weichen. Auf städtischem Grund an der Aargauerstrasse haben die Atelier- und Werkstattcontainer einen neue Bleibe gefunden. Die Aufbauarbeiten sind bald beendet und einzelne Ateliers suchen noch neue Mieter.

Interessenten und neugierige Besucher sind immer Willkommen. Marco, der sich stark für das Basislager engagiert, wird man dort garantiert kennen lernen können.

Mehr zum Basislager auf der Homepage oder auf westnetz.ch.

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