Ich glaube nicht an Objektivität

Sie ist der Shooting Star des Schweizer Dokumentarfilms. Anna Thommen hat während zwei Jahren eine Basler Integrationsklasse begleitet und dabei einen sensiblen, wie eindrücklichen Film geschaffen. „Neuland“ wurde mit zahlreichen Preisen honoriert und läuft jetzt in den Kinos.

Das Thema Migration ist im Schweizer Film stark präsent. Böse Zungen sagen sogar, es sei strapaziert. Warum wolltest du auch noch einen Film zu diesem Thema machen?

Alle sprechen zwar immer über Integration, mir war aber wichtig, diesen Prozess für einmal erlebbar zu machen und zu zeigen, was Integration für die Betroffenen bedeutet. Ich hatte noch keinen Film dieser Art gesehen, der eine Integrationsklasse während zwei Jahren begleitet. Und von diesem Spezialfall ging ich aus und überlegte mir gar nicht, ob dieses Thema strapaziert sei. Das wurde erst bei der Geldsuche ein Thema, bei der einige Förderer sehr skeptisch auf das Konzept reagierten. Dabei ist doch das Thema aktuell wie noch nie.

Du bist bei einem medienpädagogischen Workshop auf das Thema Integration gestossen, wo du dem Lehrer der Klasse im Film Neuland, Christian Zingg, begegnet bist.

Ja, ich lernte ihn mit seiner vorherigen Klasse kennen und dachte: Was für ein Original und was für eine unglaubliche Klasse! Mich beeindruckte, wie eine ganze Welt in einem Klassenzimmer gespiegelt wird.

Neuland ist aus einer sehr persönlichen Perspektive erzählt. Warum?

Weil es dann aus einer Anonymität und Verallgemeinerung weg kommt. Ich kann Geschichten nur aus meiner Wahrnehmung erzählen, wie ich etwas erlebe. Seien wir ehrlich, die Themen von unseren Geschichten wiederholen sich. Es wird individuell, wenn ein Mensch es aus seiner Sicht erzählt. Es ist so wichtig, dass sich Kulturschaffende auch mal anders damit auseinandersetzen als nur über Fakten und Schlagworte oder über kluge Experten, sondern dass man diese Leute einfach kennenlernt.

Hinter einer Handschrift steht eine Haltung. Der Begriff wird in der Schweizer Filmszene rege diskutiert. Was kannst du damit anfangen?

Ich glaube nicht an Objektivität beim Erzählen. Die Journalisten, die Interviews machen, die schreiben auch aus ihrer Wahrnehmung heraus. Und dahinter steht eine Haltung. Und die ist sehr wichtig. Bevor ich mich an diesen Film heranwagte, musste ich mir zuerst klar über meine eigene Haltung gegenüber diesem Thema werden. Ohne klare Haltung hätte dieser Film in ganz viele Richtungen hin in die Hosen gehen können.

Musstest Du dich rechtfertigen?

Gerade eben fragte mich ein Journalist, ob mein Film nicht Schönfärberei wäre. Ich habe mich von diesem Anspruch befreit Objektiv zu sein und beschlossen, für mich stimmt’s, wenn ich aus meiner Wahrnehmung erzählen kann.

Die drei Protagonisten, die Serbin Nazlije Aliji, und die beiden Freunde aus Afghanistan Ehsanullah Habibi und Hamidullah Hashimi, sind Erfolgsgeschichten.

Stimmt nicht. Hamidullah bleibt hängen. Der letzte Satz von Hamidullah im Film lautet: Es gibt nichts Neues und ich sehe schwarz. Die andern haben zwar im Vergleich zum Anfang des Films einen Schritt vorwärts gemacht aber es ist nicht unbedingt ein Happy End. Sie müssen sich damit abfinden, dass sie Träume nicht erreichen und sich ihrem Schicksal ergeben. Ist das jetzt ein Happyend?

Dein Film zeigt keine Flüchtlinge, denen der Weg in die Schweizer Gesellschaft nicht gelingt.

Aber es ist trotzdem keine Schönfärberei. Der Film spiegelt meine Haltung gegenüber dieser Klasse. Und ich wollte diese emotionale Kraft, die von diesen Leuten ausgeht, ins Zentrum rücken. Das war mir sehr wichtig, und das wird mir auch teilweise zum Vorwurf gemacht.

Der schräge Vogel entwickelt sich zum Helden

Was beeindruckte dich persönlich an deinen Protagonisten besonders?

Sie besitzen in sich eine Quelle der Kraft, aus der sie schöpfen und sie lassen sich nicht unterkriegen. Das gibt mir die Hoffnung, dass jeder Mensch diese Kraft in sich trägt und dank ihr selbst schlimme Schicksalsschläge überwinden kann.

Der Lehrer Christian Zingg ist nicht von Anfang an ein Sympathieträger. Anfangs fällt in erster Linie seine Frisur auf, und dass er die Hosen zu weit oben trägt. War dir das bewusst?

Ja, Christian Zingg hat sehr viele Seiten. Am Anfang nahm ich ihn als etwas schräger Vogel wahr nicht unsympathisch zwar. Herr Christian Zingg kommt im Film so rüber wie ich ihn erlebte. Ein Antiheld, ein anfangs etwas schräger Typ, der sich dann zum Helden entwickelt. Was natürlich wiederum subjektiv ist.

Wäre es besser gewesen, der Film wäre im Vorfeld der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative in die Kinos gekommen?

Das wäre mein Wunsch gewesen. Aber es funktionierte aus vielen Gründen nicht. Zunächst mussten wir einen Verleiher suchen, was relativ lange gedauert hat. Nach dem Zurich Film Festival (Neuland wurde mit dem Preis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm ausgezeichnet Anm. d. R.) konnte der Produzent wählen, während vor dem Festival kein Verleiher Interesse bekundet hatte.

Wolltest du mit deinem Film auch diejenigen erreichen, die der MEI zustimmten?

Ja natürlich. Man muss sehen, es war zwar ein Black Sunday aber nicht das Ende der Diskussion und der Welt. Da folgen jetzt viele Diskussionen und Referenden. Vielleicht ist der jetzige Zeitpunkt genau gut für den Film.

Du wurdest mal von einer Zeitung zitiert: “Ich bin eigentlich ein apolitischer Mensch”. Das glaube ich nicht.

Ich bin eine Tagträumerin und lebe in meiner eigenen Welt. Ich erfahre lieber eins zu eins wie sich Integration anfühlt, als darüber in der Zeitung zu lesen. Was ich beobachte und spüre, kann ich am besten transportieren. Ich kann Menschen eine Plattform geben, die sonst vielleicht nicht die Möglichkeit haben sich mitzuteilen. Ich werde oft gefragt, wie ich über die zwei Jahre Distanz wahren konnte. Da liegt wohl auch die Antwort auf deine Frage: Mein Beruf ist nicht Sozialarbeiterin oder Psychologin, auch nicht Politikerin, sondern Filmemacherin. Ich versuche nicht überall Lösungen zu finden, sondern Geschichten zu erzählen.

Die Schweizer definieren sich über ihren Beruf

In der Schweiz fragen die Leute meist als erstes nach dem Job. Wenn man beruflich kein Zuhause hat, ist es schwer, sich hier zu integrieren.

Das ist typisch für die Schweiz. Wir definieren uns sehr über die Arbeit. Die Protagonisten können weder sagen, wo sie wohnen, noch was sie arbeiten. Diese beiden Fragen haben viel mit Identität zu tun und sie haben somit also hier keine. Dazu hatte ich eine formale Idee ausprobiert: Alle Schweizer, denen die Schüler während dieser zwei Jahren begegnet sind, mussten sich in die Kamera jeweils mit Wohnort und Arbeit vorstellen. Ich habe Unmengen von Tableaus, in denen sich Schweizer in die Kamera vorstellen. Im Film wirkten sie dann merkwürdig aufgesetzt, weshalb sie nun auf meiner Festplatte liegen und darauf warten, dass ich etwas mit ihnen mache.

Im Dokumentarfilm verbreiten seit einigen Jahren verstärkt hybride Erzählformen, wie die Mischung von fiktionalen mit dokumentarischen Elementen oder Animation. Warum bist du der schlichten klassischen Form treu geblieben?

Ich habe bei Neuland wie angedeutet viel ausprobiert. Aber ich kam zum Schluss, das braucht es alles nicht. Jede spezielle filmische Form bringt die Gefahr mit sich, dass sie den Betrachter in die Geschichte hineindrückt und ich mich als Filmemacherin ins Zentrum stelle. Oft empfinde ich das Experiment als aufgesetzt und ohne wirklichen Grund. Bei Neuland hatten solche formale Spielereien keinen Platz. Es hätte die Distanz zu den Menschen vergrössert, die ich zeige. Formale Experimente können durchaus mal sein aber grundsätzlich folgt in meinen Filmen die Form dem Inhalt.

Welche Rolle spielt die Kamerafrau Gabriela Betschart in deiner Arbeit?

Ich habe völliges Vertrauen zu ihr. Sie hat ein sehr gutes „Gspüri“ für Menschen, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit der Kamera drauf ist oder eben auch genau nicht. Sie arbeitet sehr intuitiv und ist sehr feinfühlig. Dass die Menschen sich so natürlich verhalten hat auch viel mit ihr zu tun. Das ist beim Dokumentarfilm viel wichtiger, als die coolsten Bilder zu haben. Sie macht nie etwas, um zu demonstrieren, hey, ich bin eine coole Kamerafrau.

Der Film hat schon viele Preise geholt, sowohl von Jury, wie auch vom Publikum. Welcher Preis bedeutet dir persönlich am meisten?

Der Prix du Public in Solothurn. Dass der Film so viele Menschen anspricht, bedeutet mir viel. Ich staune darüber, weil ich nicht damit gerechnet hatte, da es sich ja um einen einfachen Film handelt ohne grossem Budget.

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