Hat Zürich West auf "SF bi de Lüt"  gewartet?

Wenn der grösste Platz der Stadt zur Premiere von „SF bi de Lüt“ lädt, sucht Nik Hartmann vergeblich nach urbaner Kultur

Der Turbinenplatz in Zürich West einmal in Festzeltstimmung. Schweizer Radio und Fernsehen, Abteilung Volkskultur wagt den Versuch, während gut zwei Stunden Live-Sendung Zürich der ganzen Schweiz vorzustellen. Hehre Ziele hat sich die Mannschaft um Erfolgsmoderator Nik Hartmann gesetzt, schliesslich soll Zürich in der restlichen Schweiz so repräsentiert werden, wie es sich selbst am liebsten sieht: weltoffen, zukunftsorientiert und heterogen.

So wünschte es die Stadtpräsidentin Corine Mauch persönlich. Die ursprüngliche Wunschlocation des Schweizer Fernsehens war der Münsterplatz im Herzen der Altstadt. Doch schliesslich entschied man sich gegen die Idylle und für Authentizität. Was das genau sein soll, das echte Zürich, das sollten uns die geladenen Gäste näher bringen. Iouri Podlatschikov und Sarah Meier mögen zwar unbestritten gute Spitzensportler sein, aber als Talk-Gäste boten sie wenig. Mit einer Showeinlage auf dem Skateboard, einer Ikone von urbaner Kultur, wollte Nik Hartmann so etwas wie Witz aus den beiden hervorlocken, was genau so in die Hosen ging, wie sein Versuch einen "Ollie Kick Flip" zu landen.

Etwas eloquenter und auch spürbar mehr Stadtzürcher waren die Stadtpräsidentin Corine Mauch, Komiker Beat Schlatter oder Regisseur Michael Steiner. Schlatter musste zwar zugeben, nicht gewusst zu haben, welches nun genau der Turbinenplatz sei. Aber einem überzeugten Niederdorf-Bewohner kann man das verzeihen. Aber wie repräsentativ ist denn so ein Platz, den nicht mal ein richtiger Stadtzürcher kennt?

Keine Geranientopfidylle

Der Prime Tower, DAS Symbol für stadtplanerische Zukunftsvisionen, war als Teil der Kulisse stets dezent im Hintergrund zu sehen. Zürich West, ursprünglich ein Industriequartier, ist aus der Wirtschaftskrise in den 90er Jahren heraus entstanden. Und dank dieser Krise ist es zu dem geworden, was es heute ist: eine stark durchmischte urbane Kultur. Darauf ist auch Corine Mauch stolz, die sich als typische Zürcherin sieht, da sie wie die andern 60% der Bewohner über einen Migrationshintergrund verfüge. Mauch gab sich überzeugt, dass nun diese Kulisse Zürich besser repräsentiere als das traditionelle mit den „Geranientöpfen vor den Balkonen“.

Allerdings war das einzig urbane an dieser Veranstaltung die Klänge von Marc Sway und Stress. Und die zielten dafür eher am Publikum vorbei, das doch eher Volkskultur zu suchen schien. So spulte Stress eben seinen Song „Dreams“ im Seifenblasenrosa routiniert runter und war wohl froh, als es vorbei war. Gar peinlich war die Suche nach "der Stimme" in Zürichs Chor "Harmonie Zürich" von Dani Häusler. Dieser stellte die Solisten des Hobby Chores vor dem ganzen Land bloss. Schliesslich war Fremdschämen angesagt, als der Auserkorene "Sweet Dreams" von Eurythmics zum Besten gab. Sollte diese verhaltene Darbietung etwa Zürichs Hobbymusiker repräsentieren?

Zürichs Zukunft ist eine Baustelle

Wo aber bitte war denn Zürich West, das Trendquartier an dieser lauschigen Veranstaltung geblieben? Weder der Schiffbau, noch die Geroldstrasse oder die aufgewerteten Viaduktbögen wurden thematisiert, weder Kleinunternehmer oder Jungkreative aus dem Quartier eingeladen. Stattdessen zeigte man gestandene Stadtklischees: Bahnhofstrasse, Zünfterei oder verkappte Provinzialität.

Auf die Frage, ob jetzt Zürich West auf „SF- bi de Lüt“ gewartet hat, kann oder muss man sagen: Nein, so nicht. Es wäre tatsächlich eine Chance gewesen, auf dieser „Tour-de-Tele-Suisse“, der restlichen Schweiz ein Zürich zu zeigen, das unter die arrogante, selbstgefällige Oberflächenpolitur schaut. Leider zeigte dieser Abend aber genau dieses Postkarten-Zürich. Nie richtete Hartmann seine Fragen konsequent dorthin, wo es streitbar würde. Er formulierte seine Fragen, als richtete er sein Wort an Grundschüler, immer irgendwo zwischen belanglos und naiv. Aber nichts soll ja an so einem Samstag abend die Stadtidylle trüben.

Das wahre Gesicht Zürichs liegt ganz unweit vom Turbinenplatz: Baukräne sprenkeln das Antlitz von Zürich West. Die Stadt muss wachsen, das ist ihre einzige Chance. Dazu äusserste sich Regisseur Michael Steiner sehr dezidiert, doch blieb eben dieses akute Thema während der Sendung lieber unangetastet. Ebenso nur am Rande kam das Thema der Wertschöpfung von Wohnraum und die deregulierte Mietpreiserhöhung zur Sprache. Man traute sich wohl nicht, der Schweiz die hässlichen Seiten von Zürich zu zumuten. Und Zürich traut sich auch nicht, konsequent in die Vertikale zu bauen, wie „Zeit“- Journalist Matthias Daum feststellt. Er fragt: „Hat Zürich eine Zukunft?“ und ist erstaunt über die Haltung des Hochbaudepartements. Oberster Bau-Chef André Odermatt spricht sich gegen eine konsequente Verdichtung aus, und sagt, es hätte jetzt noch Platz für etwa 120'000 Menschen in Zürich. Eine seltsame Haltung der grössten Schweizer Stadt. Aber davon war an jenem Abend auf dem Turbinenplatz nie die Rede.

Fotos von Michael Schmid

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