Frank Castorf: "Amerika" im Schiffbau

Der Intendant der Volksbühne Berlin inszeniert in Zürich das Romanfragment "Der Verschollene" von Franz Kafka unter dem Titel "Amerika".

Das Spektakel beginnt im Atrium des Schiffbaus, wo ein Schiffdeck gebaut wurde. Die Zuschauer sitzen somit in einer eher ungewohnten Lage, womit gleich das Leitthema des Abends eingeführt wird: Fremde.

Amerika. Dies ist es auch, was es dann ist: Amerika. Eine Aufführung mit tonnenweise Anspielungen auf Amerika, das vergangene wie das gegenwärtige, das filmische und literarische. Stilmittel werden abgeschöpft und kräftig im Topf verrührt, genauso wie Armerika, "the melting pot", auch ist.

Dabei geht aber keinesfalls die filigrane Zeichnung Kafkas von Amerika verloren. Die Geschichte von Karl Rossmann, der im neuen Kontinent vorallem drunter kommt. Die Szenerie ist zu gross, das Land ist riesig und voller heimtückischer Charaktere, so ist es bei Kafka und bei Castorf. Die in der Halle 1 aufgebaute Bühne zieht sich in der gesamten Länge hin, so dass es unmöglich ist, alles im Auge zu behalten. Karls verzweifelte Suche nach Halt überträgt sich auf den Zuschauer.

Castorf, der bekannt ist für seine Videoinstallationen, wirkt dem Problem entgegen, indem er zwei grosse Leinwände, auf denen noch schwach die amerikanische Flagge zu sehen ist, an den Enden der Halle aufhängt. Es entstehen wunderbare Bilder, die nicht selten an David Lynch erinnern. Die Kamera- und Tonteams folgen den Schauspielern auf ihrer Wanderung über und durch die Bühne.

Das Stück dauert knapp 4 1/2 Stunden, in der Pause lichteten sich die Reihen merklich. Das konservative Theaterpublikum wird enttäuscht. Wobei dies angesichts Castorfs raffinierten Inszenierungen eigentlich verwunderlich ist. Wie schon mit "Die schwarze Spinne. Pilatus' Traum" hat Castorf einen wunderbaren Theaterabend geschaffen, der die Geduldigen belohnt und erleichtert (wie erfüllt) in die Nacht gehen lässt.

Es ist eine bemerkenswerte & sehenswerte Inszenierung. Ja, ich mache Werbung. Man sollte sie auf jeden Fall anschauen.

Und wer Freude an Castorfs Inszenierungen, der überdimensionierten Bühne und einer genialen Bläserband hat, die immer wieder für Unruhe auf der Bühne sorgt (und oftmals Karls innere Bedrängnis widerspiegelt), ist sowieso nicht falsch.

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