Fixie

Früher hiess es mal: “Mein Haus, mein Boot meine Yacht”. Wer heute Wert auf sein Image legt, kauft sich ein Velo und fährt ökologisch durch die Welt.
Heute stellen wir vor:

Das Fixie

Mit dem Begriff Fixie assoziiere ich automatisch einen Hipster, der lässig auf dem Sattel bei Sonnenschein durch die Stadt radelt. Das Fahrrad ist in knalligen Farben gehalten und unterstreicht das “modische” Äussere des Halters.

“Vorurteil” ruft’s natürlich gleich aus dem Wald.

Klar. Musste ja kommen. Aber sind meine Vorurteile wirklich unbegründet?

Eine kleine Einführung

Der ursprüngliche Begriff mit dem wir es zu tun haben ist Eingangrad und wird höchstens noch für antike Velos verwendet. Dies hört sich halt ein wenig “bünzlig” an und man sagt darum lieber Single-Speed oder eben Fixie (engl. fixed gear). Tönt natürlich besser und schreibt sich auch einfacher.

Single-Speed und Fixie sind sich zwar ähnlich, unterscheiden sich aber in einem Detail.

Beim Single-Speed betätigt man die Kette im Freilauf: Die Pedale und die Kette werden von der Drehbewegung des Rades entkoppelt, sobald der Radfahrer mit dem Treten aufhört bzw. langsamer tritt.

Auf Freilauf eingestellt.
Die Kette ist dicker als beim normalen Velo.

Wenn man vom Fixie spricht, fährt man im starren Gang: Die Pedalen drehen sich immer mit, wenn sich das Hinterrad bewegt. Rollen lassen ist dadurch nicht möglich. Dies erlaubt dem Fahrer aber rückwärts zu fahren, was bspw. beim Kunsttrickfahren und Velo-Fussbal gebraucht wird. In der Fixie-Szene nutzt man das Gegentreten ferner zum Bremsen oder sog. “sliden”. Es braucht aber enorm viel Kraft und Balancegefühl und ist für den Otto-Normal-Velofahrer nicht zu empfehlen.

Meine Bedenken gegenüber dem Fixie

Die Praktikabilität: Mit lediglich einem Gang ist man auf dem Fixie sehr eingeschränkt.

Mancher wird jetzt sagen: “In Zürich-West ist ja alles flach. Da brauchen wir nicht mehrere Gänge”.

Was macht ihr aber, wenn ihr nach Zürich-Wiedikon oder noch besser in den Zoo oder auf den Hönggerberg wollt? Natürlich nehmt ihr dann das Tram. Sonst wäre man ja nachher “Fix und Foxie”. (Sorry für das Wortspiel!)

Was könnten also die möglichen Gründe für den Kauf eines Fixies sein?

Am wichtigsten wird wohl der Designanspruch des Fahrers sein. Durch die Schlankheitskur mittels Weglassung der mehrgängigen Gangschaltung (Zahnkranzpaket, Schaltwerk, Kettenblätter) entsteht eine “optische Aufgeräumtheit”. Das Fixie wirkt sehr elegant; für Minimalisten oder Puristen sicher das perfekte Velo. Bei Regen ohne Schutzbleche wird die ästhetische Velofahrt aber eher zur Schlammschlacht.

Ist das Fixie also wirklich nur ein “Szeni”-Velo, das dem modischen Diktat der aktuellen Zeit unterworfen ist? Ein Trend, der wieder verschwindet?

Wie erkennt man einen Hipster auf dem Fixie?

Interview

Um etwaige Vorurteile aus der Welt zu schaffen und eine fachkundige Meinung zu erhalten, habe ich mich mit meinem Velo zum Fixie-Spezialisten stilrad°° in Zürich-West aufgemacht.

Im Showroom von stilrad°° im Viaduktbogen A beantwortete Alberto Friedrich meine Fragen:

Ich sehe, dass alle Bikes hier über zwei Bremsen verfügen. Widerspricht dies nicht der Philosophie der Fixie-Anhängern?

Diese Gruppe macht nur einen kleinen Teil aller Fixie-Fahrern aus. Wir montieren immer zwei Bremsen am Fahrrad, denn deren Fehlen wird mit 250 Fr. pro Stück gebüsst. Problematisch für den Fahrer ist aber nicht nur die Busse der Polizei, sondern auch die Versicherungsansprüche bei einem Unfall.

Zwingend: Bremsen
Scheibenbremsen und Zahnriemen sind seltener anzutreffen.

Das Bremsen durch den Gegendruck auf die Pedale ist sicher auch schwierig.

Ja, ist es. Einem normalen Fahrer empfehle ich es nicht und die meisten Käufer fahren sowieso mit Single-Speed.

Fixie-Fahrer aus der Szene erkennt man an den Aufklebern auf den Felgen der Räder. Die Bremsen sind zwar noch drauf, aber nicht funktionsfähig. Mit dem Bremshebel kann man diesen “Fahrstil” auch indirekt signalisieren, denn im Gesetz ist nicht geregelt, wo die Hebel angebracht werden müssen. Ich hab schon welche unterhalb der Sattelstütze gesehen. Die Polizei merkt aber schnell, dass man sie verarscht.

Woher kommt das Fixie überhaupt?

Ursprünglich war das Fixie ein Bahnrad (Link) und wurde später von Fahrradkurieren in New York zweckentfremdet. Der Trend ging dann auf die Leute in den urbanen Städten über, bis schliesslich auch Europa erfasst wurde. London, Berlin, München und eben Zürich.

Und wer fährt Fixie in Zürich?

Fahrradkuriere gibt es vielleicht zwei. Fixies sind für Kuriere in Zürich durch die unterschiedlichen Höhenlagen ungeeignet. Dann gibt es die Kenner, die auch bei Wind und Wetter (ohne Schutzblech) fahren und die Hipster. Die Hipster sehen das Fixie lediglich als Accessoire und fahren es nur wenig; oder schieben es.

Du fährst natürlich auch ein Fixie.

Ja, ich habe Glück, dass ich hier im flachen Stadtgebiet arbeite und lebe. Wenn es bergauf geht, wechsle ich auf mein anderes Fahrrad mit mehreren Gängen. Ich würde ein Fixie als einziges Fahrrad in Zürich nicht empfehlen.

Sind die Fixies nicht ein wenig zu teuer für ein modisches Accessoire?

Die meisten Hipster-Fixies sind Internetbikes und dementsprechend günstiger. Es gibt viele Seiten, wo du dein “Traumfixie” selber zusammenstellen kannst. Mit allen Farben und Formen die du haben möchtest. Auf den Fotos sieht das dann alles gut aus. Wenn du aber dein Fahrrad zu Hause auspackst, sieht man sofort die schlechte Qualität.

Traumfixie aus dem Internet.

Wenn ich aber nicht viel Geld zur Verfügung habe, was mach ich dann?

Dann gehst du lieber auf den Flohmarkt oder nimmst das alte Rennrad von deinem Grossvater und baust es um. Komponenten entfernen geht immer.

Sind Anfangspreise von 1200.-- Franken für ein gutes Fixie denn überhaupt gerechtfertigt?

Ja klar. Wenn man die Kette regelmässig ölt und das Rad gut pflegt, hält es 20-30 Jahre. Ein teureres Mountainbike wird viel schneller ausgewechselt. Das schlichte Design ist zeitlos und gefällt länger.

Zudem ist unsere Marge auf einem Fixie mit 30-40% auch sehr fair, wenn man die teuren Materialien bedenkt. Im Vergleich: Deine und meine Brille weisen eine Marge von 400 - 500% auf. Brillengestelle sind aber Massenprodukte und z.T. aus billigem Material hergestellt.

Schönes Design und dementsprechend teuer.

Fazit

Das Fixie ist ein mit verschiedenen Idealen versehenes Lifestyleprodukt, das User und Poser gleichermassen anzulocken vermag.

Wer sich weiter über die schicken Bikes informieren möchte: stillrad°°

  • Noemi Schurtenberger 28.6.2012 08.23 Uhr

    Meine Arbeitskollegin kam letztens mit einem neuen Velo aus Berlin an. "Ein Single Speed", sagte sie. Ich verstand nur Fahrrad. Wirklich damit rumgefahren ist sie bisher noch nicht, womit sie sich wohl als Hipster entlarvt.

    Anyway, hervorragender Bericht! Danke für die Schliessung meiner Bildungslücke.

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