Fährt da Edi?

Während fast drei Monaten begleitete ich Edi Popovic auf ihrem Weg zur Tramführerin in der Stadt Zürich. Ich durfte einen Blick hinter die Kulissen werfen und erlebte hautnah mit, wie man lernt ein Züritram zu fahren. Diese Erfahrung hat meinen Alltag verändert.

Täglich stieg ich in ein Tram ein, liess mich von A nach B chauffieren, ohne mir gross etwas dabei zu denken. Trams waren für mich eine Selbstverständlichkeit, wie auch deren Pünktlichkeit. Seit ich Edi während ihrer Ausbildung begleiten durfte, hat sich meine Einstellung den Tramführerinnen gegenüber verändert. Nebst der Tatsache, dass ich bei jedem einfahrenden Tram in die Führerkabine starre und hoffe, Edi hinter dem Kontroller zu entdecken, weiss ich diesen Beruf heute viel mehr zu schätzen.

Signal lesen

Ein wichtiger Aspekt in der Ausbildung zur Tramführerin beinhaltet natürlich, dass sie die Signale fürs Tram richtig lesen können. Ist die Strecke offen? Ist die Weiche richtig gestellt? Diese Informationen erhalten die Tramfahrerinnen von Signalen. Da ich Edi auch während ihrem Fahrunterricht begleiten durfte, lernte ich diese Signale auch zu lesen und zu verstehen. Das erleichtert mir nun auch mein Leben als Passagier. Bevor ich einfach kopflos noch vor einem Tram über die Geleise renne – wie ich das früher zugegebenermassen ab und an gemacht habe – schaue ich heute zuerst aufs Signal und weiss dann, ob die Luft rein ist, oder nicht.

Signal ist offen und das Tram hat freie Fahrt: diagonal-ausgerichtete Lämpchen bei oberen Signal // Die Weiche ist gestellt (unten), da orange umrahmt
Sobald das Tram passiert hat, schliesst das Signal wieder, das wartende Tram darf noch nicht fahren: waagrechte Lämpchen // Weiche ist nicht fixiert: nicht orange umrahmt

Blick nach oben

Die Doppelhaltestelle am Bahnhofquai war für mich immer ein kleines Mysterium. Wie oft bin ich da schon hin und her gerannt, weil ich gedacht habe, der 4-er halte jetzt sicher vorne am Perron und dann tut er es doch nicht. Lange habe ich versucht ein System darin zu erkennen, welches Tram, wann und wo anhält. Erfolglos. Edi hat mir jetzt aber versichert, dass es kein System gibt! «Der Schnellere ist der Geschwindere» – Das Tram, welches zuerst einfährt, kriegt die Pole-Position. Auch das Überqueren der Geleise am Bahnhofquai / Hauptbahnhof ist nicht immer ganz ungefährlich. Man weiss nicht genau, wann das nächste Tram einfährt, da es kein klares System gibt. Ein Blick nach oben hilft: An den Stromleitungen oben kann man schauen, ob bereits wieder ein Tram einfährt, da man die Stromabnehmer der Trams aus einiger Entfernung gut erkennen kann.

Ein Blick nach oben hilft:Die Stromabnehmer sieht man auch übers Tram hinweg und weiss, ob ein Tram einfährt oder nicht

Türe bleibt zu

Etliche Male bin ich schon aufs Tram gerannt und kaum wollte ich den Türöffner drücken, öffnete sich diese nicht mehr. Das Tram bleibt dann aber noch stehen und ich ärgere mich darüber, warum die Tramführerin mir die Türe nicht noch kurz öffnet und mich einsteigen lässt. Heute weiss ich, unter welchem enormen Zeitdruck die Tramführerinnen stehen und jede Sekunde (und das Öffnen der Türe für mich, bedeutet mehr als eine Sekunde) zählt. Die Tramführerinnen müssen sich an jeder Haltestelle anmelden und werden damit in der Leitstelle registriert. Ist ein Tram im Verzug, hat das Auswirkungen auf das gesamte Streckennetz. Ob eine Tramführerin einen heranspringenden Passagier noch ins Tram steigen lässt oder nicht, kann sie nach eigenen Ermessen entscheiden. Und sind wir doch ehrlich, es kommt mittlerweile auf fast jeder Strecke alle fünf Minuten ein Tram! Uns grün und blau zu ärgern, weil uns die Tramführerin nicht mehr einsteigen liess, bringt nichts. Geniessen wir besser die fünf Minuten Wartepause die wir damit gewonnen haben. Der Alltag ist schon stressig genug.

«Blindenplatte» als Orientierung

Eine weitere Erleichterung in meinem Tramalltag ist die sogenannte «Blindenplatte». Die weissen Linien, welchen Blinden auf öffentlichem Gelände zur Orientierung dienen, gibt es natürlich auch entlang der Tramschienen. Jeweils ganz vorne am Perron hat es diese «Blindenplatte». Sie signalisiert den Blinden, dass sie an dieser Stelle eine Eingangstüre finden werden. Wenn ich mit der SBB fahre, sehe ich immer auf der Anzeige, wie lange der Zug sein wird. Sektor ABC oder eben manchmal nur Sektor B. Auch die Trams sind nicht immer gleich lang oder mit gleich vielen Einheiten unterwegs. Die Blindenplatte ist aber Orientierung dafür, wo der vorderste Wagen halten wird, da sich die Tramführerinnen daran orientieren. Weiss ich also nicht, wie lange ein Tram ist oder wo es anhält, schaue ich, ob ich eine «Blindenplatte» entdecke und kann mich daran orientieren.

Die vorderste Türe des Trams ist i.d.R bei der Blindenplatte

Sand auf dem Gleis

Verglichen mit Autos haben Trams einen deutlich längeren Bremsweg. In der Fahrschule lernte Edi die verschiedenen Bremstechniken, was natürlich auch die Vollbremsung beinhaltete. Bei der Notbremsung fällt Sand auf die Geleise, damit das Tram schneller stoppen kann. Wenn Sie also Sand auf den Geleisen entdecken, können Sie davon ausgehen, dass die Tramführerin eine Vollbremsung machen musste. Das kommt vor, wenn sich ein Automobilist auf die Tramschienen verirrt hat, oder ein Fussgänger blindlings auf die Fahrbahn läuft. Seit ich weiss, wie lange ein Tram braucht um zum Stillstand zu kommen, schaue ich noch genauer nach links und nach rechts, ehe ich die Tramschienen überquere.

Grossen Respekt

Bevor ich Edi Popovic kennenlernte, habe ich mir einmal gedacht «Tramführerin zu sein wäre eigentlich noch ganz toll, so als Feierabendjob neben dem Studium». Als die VBZ dann auch noch die Kampagne «Frauen gehören ganz nach vorn» lancierte, habe ich mir das sogar einmal online genauer angeschaut... Den Beruf der Tramführerin habe ich damals aber masslos unterschätzt. Ich verglich das Tramfahren zu sehr mit dem Autofahren. Auto fahre ich ja auch nur als Privatperson und transportiere keine Passagiere. Für Hunderte von Passagieren pro Tag tragen die Tramführerinnen während der Fahrt die Verantwortung. Und in einer Stadt wie Zürich, wo wir kaum länger als fünf Minuten aufs nächste Tram warten müssen, braucht es auch eine grosse Portion Disziplin. Jede Sekunde zählt und das immer im Interesse des Fahrgastes. Tramfahren kann man lernen, das Dienstleistungsbewusstsein muss einem angeboren sein.

Liebe Edi: Vielen Dank, dass ich dich auf deinem Weg begleiten durfte. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute und ich schaue wirklich immer «fährt da Edi?» :)

Edi und ihre Ausbildung

Lesen und sehen Sie hier, was Edi Popovic während ihrer Ausbildung zur VBZ Tramführerin alles erlebte und lernte.

+ Edi Popovic ganz vorne!

+ Übung macht den Meister

+ Theorieprüfung bestanden!

+ Besichtigung Central

+ Wendemanöver Hardturm

+ Erste Tramfahrt von Edi Popovic

+ Trambesichtigung

+ Interview mit Mario Schmid von der Leitstelle

+ Dritter Ausbildungstag

+ Zweiter Ausbildungstag

+ Erster Ausbildungstag

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