Es braucht in Zürich ein Quartier ohne Kindergeschrei

Elisabeth Schoch leitet eine Unternehmensberatung für KMU’s, wohnt seit sechs Jahren im Kreis 5 und präsidiert seit zwei Jahren die FDP der Zürcher Wahlkreise 4 und 5. Im Gespräch nimmt die streitbare Politikerin kein Blatt vor den Mund und setzt klare Standpunkte bezüglich der Entwicklung von Zürich-West.

Frau Schoch, was bedeutet Zürich-West für Sie?

Ich finde die architektonische Veränderung des früheren Industriequartiers in ein Wohngebiet total spannend. Um es mit ein paar Adjektiven auszudrücken, würde ich sagen: modern, aufstrebend, neu, zukunftsweisend, urban und out-of-the-box!

Was halten Sie von der baulichen Entwicklung?

Finde ich absolut positiv, denn ich habe eine Eigentumswohnung im Kreis 5, die ziemlich an Wert zugelegt hat (lacht). Modern und urban hat mir schon immer gefallen.

Sehen Sie politische Probleme in dieser Entwicklung?

Nein, nicht wirklich. Selbstverständlich haben diejenigen, die den Familiengroove behalten möchten, Mühe mit der aufstrebenden Urbanität. Die SP hatte früher einen Wähleranteil von 35% und dieser ist nun auf 25% gesunken. Das freut die SP natürlich nicht besonders, hat jedoch auch damit zu tun, dass die gesamte Bevölkerung im Kreis 5 sich verändert. Während das frühere Arbeiterquartier von Architekten, Designern und späten 68ern besiedelt war, sind es heute mehrheitlich erfolgreiche Geschäftsmenschen, die durchaus auch liberale und freisinnige Werte hochhalten.

Sind die Wohnungen im Kreis 5 zu teuer?

Nein, solange es Leute gibt, die das bezahlen können, ist das in Ordnung. Ausserdem gibt es genug Sozial- und Genossenschaftswohnungen in diesem Kreis. Zum Beispiel das Kraftwerk oder die Bernoullihäusern. Weitere günstigen Wohnungen sind im weiteren Ausbau des Quartiers ja auch geplant. Es kann aber nicht schaden, wenn auch teure Wohnungen angeboten werden. Das trägt zur Durchmischung des Quartiers bei.

Wieso befürchtet man trotzdem, dass viele Familien wegziehen und Zürich-West zu einem toten Quartier wird?

Das ist wohl eher politisch motiviert. Es zieht ja niemand weg, es kommen neue Leute ins Quartier. Und natürlichlich wird die neue Durchmischung die Wählerteile verschieben. Wollte ich für die FDP mehr Wähler, würde ich auch sagen: macht nur teure Wohnungen! Etwas Verständnis muss man jedoch haben, wenn jemand auf die Idee käme, am Zürichberg Sozialwohnungen zu bauen, würden die Bewohner auch keine Freude haben! Und persönlich finde ich, es darf durchaus auch Quartiere geben, in denen man nicht ständig Kindergeschrei hört.

Was halten Sie davon, wenn am Turbinenplatz Studentenwohnungen gebaut würden?

Da wäre ich ziemlich dagegen. Nicht wegen der Studenten, die mag ich. Aber ich finde es schön, dass es in Zürich-West diesen urbanen Platz gibt. Für die Studenten müsste man sich etwas anderes überlegen, z.B. eine Genossenschaft im Rahmen der ETH/Universität, die nur Studenten bewohnen dürfen. Sowas würde ich sofort unterstützen, auch im Kreis 5. Nur nicht auf dem Turbinenplatz (lacht)

Glauben Sie, dass auch die Clubs aus Zürich-West verschwinden werden?

Ja, sicher werden viele verschwinden. Die werden woanders hingehen. Wo Nachfrage ist, wird auch ein Markt sein. Einige werden aber auch bleiben und vielleicht kommen ein paar neue hinzu.

Finden Sie das nicht schade?

Ich finde es nicht so wichtig, ob sie verschwinden oder nicht. So funktioniert die Stadtentwicklung: in ein neues Gebiet kommen immer zuerst die Kreativen, weil sie viel Platz für wenig Geld benötigen. Es folgen die Clubs und die „Early Adopters“, die allerersten Zuzüger. Wenn dann noch der Mainstream kommt -an diesem Punkt befindet sich Zürich-West gerade- ist es ein fertig entwickeltes Quartier. Das ist ein normaler Zyklus und es werden auch nur die Underground-Clubs verschwinden. Die etablierten Clubs sollten als Gewerbe gefördert werden und wir von der FDP Kreis 4&5 setzen uns dafür ein, das Clubleben mit den Einwohnern in Einklang zu bringen.

Haben Sie keine Kritik an Zürich-West?

Ich bin eigentlich total glücklich und zufrieden. Man sollte sich nicht immer gleich gegen alles stellen. Wir haben Leute gewählt, welche die Aufgabe haben, gewisse Sachen zu entwickeln und zu bauen. Sie sollten auch ihren Freiraum dazu haben und es ärgert mich, wenn alle immer meinen, sie wüssten alles besser. Ich finde die Planung für Zürich-West gelungen und wenn man etwas baut, dann kostet das halt auch!

Wird nicht etwas zu viel aufgewertet?

Die SP stellt laufend Ansprüche, die Quartiere aufzuwerden und beschwert sich danach über die steigenden Mietkosten! Am liebsten würden sie ja den Rosengarten schliessen, alle Wohnungen dort unter gleich bleibenden Mietzins renovieren, den Individualverkehr verbieten und nur noch Trams zulassen. Das ist der Traum unserer rot-grünen Politiker, aber so einfach ist das nicht. Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben.

Haben Sie weitere Anliegen?

Ja, noch etwas, aber das ist ein stadtübergreifendes Thema. Man vergisst, dass mobile Leute auch gerne Parkplätze hätten und diese sind in der Stadt Zürich eine absolute Mangelware. Nicht alle können überall und immer mit dem öV unterwegs sein. Ich wünschte mir vermehrt eine gute Ausgewogenheit und nicht nur eine Verteufelung des motorisierten Individualverkehrs. An meinem Wohnort im Puls 5 hatte ich zum Beispiel die städtische Auflage, einen Parkplatz in der Tiefgarage zu kaufen. Andererseits durfte ich nur einen kaufen und diesen auch nicht öffentlich vermieten – dem VCS sei Dank.

Wieso benutzen Sie nicht den öffentlichen Verkehr?

Die Verbindung von mir zu Hause ins Büro ist unmöglich und nicht effizient. Ausserdem brauche ich das Auto hin und wieder im Büro. Zudem möchte ich mich nicht rechtfertigen müssen, wie ich meinen Arbeitsweg zurücklege.

Wie wird Zürich-West in 10-15 Jahren aussehen?

Es wird ein konzeptionell fertig gebautes Gebiet sein und es wird noch mehr Überbauungen geben wie an der Pfingstweidstrasse. Ich erhoffe mir noch einige weitere Hochhäuser, bin aber zuversichtlich, dass es toll aussehen wird!

Homepage Elisabeth Schoch

Jeden Mittwoch: Interviews mit Politikern, die Zürich-West prägen:

Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin

Karin Rykart Sutter, grüne Gemeinderätin für die Kreise 4&5

Carmen Walker Späh, FDP-Kantonsrätin

  • Daniel Blickenstorfer 10.10.2012 22.41 Uhr

    Ärgerliches Interview. - Hat die FDP eigentlich ein Abo gebucht bei Westnetz? Man hätte sich gewünscht, dass die Interviewerin wenigstens einigermassen nachfragt.

    Die FDP-Präsidentin vertritt gerade mal 5,86% der Wähler in den Stadtkreisen 4 und 5. Und sie träumt - natürlich - davon, dass ihre Wähleranteile steigen mögen. Ist aber eher unwahrscheinlich, aus diversen Gründen.

    Die Linke, bestehend aus SP, Grünen, Alternativen (und von Fall zu Fall den Grünliberalen) hat immer noch eine satte Mehrheit in Frau Schochs Wahlkreis. Die "erfolgreichen Geschäftsmenschen" sind tatsächlich schon zugezogen, aber sie vertreten offensichtlich kaum das schwarz-weiss-Denken von Schoch. (Oder sie haben hier nur ihren Zweitwohnsitz und wählen weiterhin in Wollerau.)

    Beispiele: Mit ihrer Forderung betr. mehr Parkplätze ist Frau Schoch ziemlich singulär unterwegs. Die Menschen hier haben sich recht gut eingerichtet ohne Auto/mit Auto/ mit Car Sharing/mit ÖV/Velo... die meisten hier, können sich problemlos rechtfertigen, "wie sie ihren Arbeitsweg zurücklegen".

    Exklusiv für sich behält Frau Schoch auch die Hoffnung auf "noch auf einige weitere Hochhäuser", aber bitte nicht vor meinem Fenster auf dem Turbinenplatz, gell!

    Und dann - schon wieder - das unsägliche Jammern von wegen "Kindergeschrei"! Sorry, Frau Schoch, das ist jetzt so was von unnötig! Hier verlangt niemand, dass "am Zürichberg Sozialwohnungen gebaut" werden, dann unterlassen Sie bitte Ihr Gejammer über Familien, die hier - möglicherweise im Gegensatz zu ihrem Konzept eines "konzeptionell fertig gebauten Gebietes" - ihren Lebensraum unterhalten!

  • Nadja Hauser 11.10.2012 20.21 Uhr

    Die FDP hat genauso wenig ein Abo bei Westnetz wie die SP oder die Grünen. Alle kommen einmal zum Zug und jeder hat ein Recht auf eine Stimme. Die Interviewerin hat sehr wohl nachgefragt und sich tatsächlich rund eine Stunde intensiv mit Frau Schoch unterhalten. Dass gewisse Aussagen provozieren (oder ärgern), war ja auch ein wenig Absicht. So wird zumindest die Aufmerksamkeit geweckt. Ziel erreicht.

  • Elisabeth Schoch 15.10.2012 21.36 Uhr

    Gute Antwort Frau Hauser. Sie haben sich tatsächlich die Zeit genommen, zu hinterfragen.

    @ Blickenstorfer: Sie scheinen eine andere Meinung als ich zu vertreten, was legitim ist. Warum akzeptieren Sie meine nicht? Gerade in einem Land wie dem unseren, sollen und dürfen auch Minderheiten (5,86% Wähler, bevor Zürich West gebaut ist) ihre Meinung vertreten. Nur weil meine Meinung nicht der Ihren entspricht, darf sie hier sehr wohl Platz haben. Und zwar ohne, dass man gleich in die Schublade "schwarz/weiss" geschoben wird. Das erstickt jede konstruktive Diskussion im Keim.

    PS: Gerade vor meiner Nase wird aktuell ein Hochhaus gebaut, Ihr Argument sticht also nicht.

  • Nathalie Perucchi 25.6.2013 13.56 Uhr

    Es fasziniert mich wie Frau Schoch hat eine sehr präzise Idee von „wer muss wo leben“.
    Kinder sind in Kreis 5 nicht willkommen, Studenten und Asylbewerbern auch, keine subventionierte Wohnungen in reichem Quartier… Trendy-Urban-Leben nur für Leute mit Geld...
    Muss ich Frau Schoch erinnern, dass z.b. auch Mittelklasse-Leuten mit Kindern Steuern zahlen? Dass wir auch ein Recht an moderne Infrastruktur haben und das Recht zum leben wo wir wollen?
    Und was passiert wenn eine Ehepaar kauft eine Wohnung in „Trendige-Kreis 5“ und dann ein Kind bekommt? Muss die Paar die gekaufte Wohnung verlassen, weil Kinderschreien nicht willkommen sind? Lächerlich!!!
    Mir scheint, dass mit dem Technopark und alle High-Tech-Firmen, Kreis 5 ist eigentlich das perfektes Quartier für Studenten!
    Frau Schoch denkt, dass Sie in ein cooles modernes urbanes Quartier wohnt. Ich finde Kreis 5-Industrie Quartier ist eine sterbende Quartier… genau weil, eine Mischung von Leute fehlt!!! Genau weil, es nur „Single mit Niveau“ oder Kinderlospaar gibt. Ja... Schade...
    Ah! Und noch etwas! Frau Schoch sagt, dass Herr Blickenstorfer nicht Ihre Meinung akzeptiert… Aber wenn sie kein Asyl-Zentrum in der Stadt will, akzeptiert sie auch nicht die Meinung von tausenden Leuten die dem Asylgesetzreferendum zugestimmt haben!
    A bon entendeur Salut!

Karte wird geladen ...

Logo VBZ Logo Westnetz