Eine Stadt, zwei Fussballclubs und ein Stadion – in Zürich West

Die rivalisierenden Clubs FCZ und GC werden zum ersten Mal seit ihrer Gründung ein Stadion teilen. Auf dem Gelände des Hardturm-Stadions soll ab 2017 wieder Fussball gespielt werden, denn das Siegerprojekt steht fest, Stadt und Anwohner haben sich geeinigt, das Stimmvolk wird 2013 endgültig entscheiden - einzig wie das neue Stadion aussehen und heissen wird, ist noch unbekannt.

Die Fankultur, die Rivalität und die Zukunft der beiden Clubs im geplanten Fussballstadion auf dem Hardturmareal erklärt uns Michael Lütscher. Der Journalist hat eben ein Buch über Hermann Burgermeister, den langjährigen Masseur und Materialwart beim FCZ, veröffentlicht.

Michael, du hast die Memoiren von Hermann Burgermeister verfasst. Welche Bedeutung hat er für den FCZ?

Man könnte sagen, er ist eine Ikone für den FCZ. Eine Ikone ist ja etwas bildhaftes. Er ist den meisten bekannt als Pfleger, der im gelben Perskindolshirt aufs Feld rennt und sich um den verletzten Spieler kümmert. Auf der anderen Seite arbeitet er seit siebenunddreissig Jahren beim FCZ. Im Fussballgeschäft ist alles wahnsinnig schnelllebig, viele kommen und gehen, er aber ist immer da. Er verkörpert Tradition wie sonst niemand unter den Aktiven.

Was war der Anlass für die Veröffentlichung der Memoiren von Hermann Burgermeister?

Anlass ist Hermis fünfundsechzigster Geburtstag. Ancillo Canepa, der Präsident vom FCZ, fand, man müsse den Hermi jetzt ehren und ihm ein Buch widmen.

Du hast bereits die FCZ-Biografie geschrieben, jetzt die Memoiren von Hermi. Woher kommt dein Interesse am FCZ?

Einerseits bin ich FCZ-Fan. Seit ich etwa zwölf Jahre alt bin. Andererseits bin ich Journalist. Nach dem Meistertitel 2009 ging ich mit einem Buchkonzept zu Ancillo Canepa, den ich dazumals noch nicht persönlich kannte. Er hatte gleichzeitig ebenfalls die Idee einer FCZ-Biografie und war auf der Suche nach einem Autor.

Hermann Burgermeister

Würdest du auch über eine Legende des Grasshopper-Clubs schreiben?

Nein, das käme mir nicht in den Sinn. Natürlich wäre es auch spannend. Aber rein journalistisch und ohne Herzblut eine Geschichte über den Grasshopper Club zu schreiben käme nicht gut. Die Distanz des Autors würde dem Leser wohl auffallen.

Gehst du an die Spiele des FCZ?

Ja, ich gehe an die allermeisten Heimspiele des FCZ im Letzigrund.

Die FCZ-Fans grenzen sich vom Grasshopper Club ab, indem sie vom FCZ behaupten, er sei ein Arbeiterclub, während GC bürgerlich-elitär sei. Woher kommt dieses Selbstbild?

Der Grasshopper Club ist immer der Club der Reichen gewesen. Von der Struktur her ist er das eigentlich auch heute noch. Was die Anhängerschaft anbelangt, hat sich dies heute vermutlich ein bisschen geändert. Der FCZ auf der anderen Seite war immer der Club für alle, wurde aber im Vergleich zu GC automatisch zum Arbeiterclub. Vom Wesen her ist er aber kein Arbeiterclub, er wurde ursprünglich von Mittelschülern und Akademikern gegründet. Die meisten Funktionäre in der Geschichte des FCZ waren Mittelständische, Unternehmer und Akademiker. Nebst dessen, dass GC der Club für die Reichen war, waren die Clubs früher auch quartierbezogen. GC hatte seine Fans nicht nur am Zürichberg und an der Goldküste, sondern auch im Kreis 5, während die Fans des FCZ vorwiegend aus Albisrieden und Wiedikon kamen.

Die Fangruppen der beiden Clubs sind stark verfeindet. Gibt es historische Gründe?

Die Rivalität zwischen den Clubs gab es schon von Beginn an. Es ging und geht darum, wer die Nummer eins in der Stadt ist. Diese Rivalität hat sich natürlich auch auf die Fans übertragen. Heute sind die Fankurven straffer organisiert als früher, und so ist der Gegensatz schärfer geworden. Früher war die Rivalität vor allem unter den Spielern zu spüren. Die Spieler der beiden Clubs waren oftmals Zürcher, Einheimische, die lange Zeit für ihren Club spielten und sich mit diesem stark identifizierten. Heute wechseln die Spieler die Clubs ständig.

Vor einem Jahr wurde ein Derby wegen Gewalt auf der Tribüne abgebrochen. Gerüchten zufolge fing die Provokation mit einer bemalten FCZ-Fahne an. Kennst du die Hintergründe?

Ja, das war tatsächlich so an jenem 2. Oktober 2011. Die Ultras von GC in der Nordkurve hielten während dem Match übermalte FCZ-Fahnen in die Luft, die sie den FCZ-Fans vor Jahren gestohlen hatten. Einige Fans des FCZ fühlten sich derart provoziert, dass sie Feuerwerk auf die Gegenseite schossen. Daraufhin brach der Schiedsrichter das Spiel ab.

Hat die Gewalt in den Fanreihen zugenommen?

Gewalt gab es im Fussball schon immer. Bei meinen Recherchen für die FCZ-Biografie bin ich auf viele Geschichten und Zwischenfälle in diesem Zusammenhang gestossen. Schiedsrichter wurden verfolgt, es gab Feldinvasionen, Steinwürfe, Schlägereien und in den 80er Jahren musste ein Spiel in St. Gallen abgebrochen werden, weil der Schiedsrichter auf dem Feld verprügelt wurde.

Wo sind die Heimstadien der beiden Clubs?

Ursprünglich hatten beide Clubs jeweils ein eigenes Stadion. Dem FCZ gehörte der Letzigrund, bis er diesen in den 30er Jahren aufgrund wirtschaftlicher Probleme der Stadt Zürich verkaufen musste. Der Hardturm, in dem der Grasshopper Club spielte, gehörte seinem langjährigen Präsidenten, dem Industriellen Walter Schoeller. Dessen Erben verkauften das Gelände dann vor rund zehn Jahren der Credit Suisse, die es 2010 dann für 50 Millionen Franken der Stadt abtrat.

2008 wurde der Hardturm abgerissen. Nun soll ein neues Fussballstadion auf dem Hardturmareal realisiert werden. Wird dieser beide Clubs beheimaten?

Ja, es soll ein richtiges Fussballstadion gebaut werden. Für beide Clubs.

Ist es für die FCZ-Fans kein Problem, wenn sie auf das ehemals gegnerische Areal ziehen?

Es ist schon so, dass es für einen Teil der FCZ-Fans ein Problem ist. Für diese ist der Letzigrund ihr Stadion und dort möchten sie nicht weg. Aber der FCZ hat bereits eine Saison im Hardturm gespielt, als der Letzigrund vor ein paar Jahren abgerissen und neu gebaut wurde. Im Vorfeld gab es auch eine grosse Skepsis bei den Fans, aber dies änderte sich rasch, gerade weil man im Hardturm nahe am Spielfeld und nicht durch die Leichtathletiklaufbahn vom Spielfeld getrennt war. Ausserdem hatte der FCZ im Hardturm eine gute Saison, er wurde 2006/07, als er dort spielte, Meister.

Werden sich die beiden Clubs und Fangruppen durch das gemeinsame Stadion näher kommen?

Die Clubs müssen sich auf den Betrieb des Stadions einigen und eine Betriebsgesellschaft gründen. Ob sie sich sonst näher kommen, weiss ich nicht. Es gab immer wieder Fusionsgerüchte. Und die waren schon konkreter als zum jetzigen Zeitpunkt. Bereits in den 60er und 90er Jahren lehnte der FCZ Fusionsanträge der Grasshoppers jedoch ab.

Überreste des alten Hardturmstadions

Im projektierten Stadion sind um die 16'000 Sitzplätze geplant. Diese relativ geringe Platzkapazität ist höchst umstritten. Sollte es mehr Plätze im neuen Stadion geben?

Für die Einnahmen der Clubs ist die Zuschauerzahl schon von Bedeutung. 16'000 Sitze oder 19'000 inklusive der Stehplätze, das ist zu wenig. Eine hohe Zuschauerzahl ist von Bedeutung, denn dies lockt wiederum Sponsoren und Geldgeber an. Und es ist wichtig für die Stimmung. Das neue Stadion wird vermutlich mehr Fans anlocken als es der Letzigrund jetzt tut. Spitzenspiele wie das Stadtderby oder ein Spiel gegen den FC Basel werden in dem kleineren Stadion sofort ausverkauft sein. Dies bringt mit sich, dass viele Fans die Spiele nicht im Stadion sehen können.

Welchen Einfluss wird das neue Stadion für das Quartier haben?

Es wird sicher mehr los sein. Ein Teil der Anwohner haben sich gegen das neue Stadion gewehrt, zwar ausdrücklich nicht gegen den Fussball, aber wegen der Verkehrsbelastung. Die Stadt ist der Bevölkerung mit dem Projekt des kleineren Stadions nun sehr entgegen gekommen.

Passt das Stadion nach Zürich West?

Auf jeden Fall. Es gäbe auch keine Alternative. Aber ich denke, das Hardturmareal ist der perfekte Standort. Die Verkehrsanbindung ist durch die zwei Tramlinien, die S-Bahn und den Autobahnanschluss perfekt. Und es hat nicht wahnsinnig viele Anwohner. Ein Stadion gehört zu den Attraktionen einer Stadt, und ein neues Stadion passt sehr gut in das neu gebaute Zürich West.

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Aktuelles: Die Vernissage des Buchs fand am 6. Oktober statt. Das Buch ist ab sofort im FCZ Shop erhältlich.

Das Siegerprojekt für das geplante Fussballstadion wird am 24. Oktober 2012 offiziell vorgestellt. Westnetz.ch wird aktuell darüber berichten.

Links:

Michael Lütscher bloggt regelmässig für westnetz.ch, seine Beiträge finden sich unter www.westnetz.ch/luetscher

Auch Hermi hat eine eigene Homepage: www.fczhermi.ch

Geschichte zum Hardturm von unserem Blogger Philippe Keiser auf westnetz.ch

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