Eine Lektion in Zivilcourage mit Ai Wei Wei

Art and the City präsentiert sein Marmorsofa, jetzt kommt Ai Wei Wei per Dokfilm in die Kinos und führt vor, wie man sich wehrt, wie man mit modernen Medien arbeitet und dabei ein grosses Künstler bleibt.

Man sieht es ihm sofort an: Der Mann ist von den Mühlen der Staats-Maschinerie gehörig mitgenommen. Er, der sonst immer einen kessen Spruch auf den Lippen hat, winkt ab. Die Bedingungen seiner Entlassung setzen fest, dass Ai Wei Wei zu schweigen hat. Die Szene nach seiner Gefangenschaft wirkt so stark, weil man im brillanten Dokumentarfilm „Ai Wei Wei Never Sorry“ einen so starken, unbeugsamen Charakter kennengelernt hat.

Vermisst. Ai Wei Wei

Die Konfrontation mit der Staatsmacht ist Ai Wei Wei in die Wiege gelegt. Sein Vater wird Opfer der Kulturrevolution und vom Staat fertig gemacht. Als dieser Albtraum vorüber ist, kann Ai Wei Wei nach New York, wo er sich als Künstler erprobt. Weggefährten berichten, grössten Eindruck hätten auf ihn die Hearings in Zusammenhang mit dem Iran-Contra-Skandal gemacht. Zur Rekapitulation: Die US-Regierung unter dem ultrakonservativen Ronald Reagen liefere Waffen an die iranischen Mullahs und finanzierte damit – unter Missachtung sämtlicher Gesetze – die ideologisch verbündete Contra-Guerilla, die in Nicaragua die linken Sandinisten-Regierung bekämpfte. Mit Duldung der CIA brachte die Contra tonnenweise harte Drogen in die USA.

Was Ai Wei Wei so faszinierte, war, dass das alles ans Licht gezerrt wurde, derweil Reagen nach wie vor im weissen Haus sass. Und genau das wurde – neben dem Hang zur Kunst – zu Ai Wei Weis Mission: Öffentlichkeit herstellen. Schweinereien aufdecken. Kretins bloss stellen. So versucht er etwa, das zu tun, was eigentlich Behörden und Medien hätten tun müssen, nämlich die Zahl der Toten – vor allem Kindern – nach einem Erdbeben festzustellen. Was den Behörden äusserst unangenehm war, weil Korruption und tolerierte Bau-Schlamperein Ursache für den Hauptharst der Opfer waren.

Zu Gute kommen Ai Wei Wei neben Sendungsbewusstsein sein Mut, sein Schwejk’scher Humor, die grosse Kreativität und seine Affinität zu zeitgemässen Kommunikationsinstrumenten wie Twitter. So twitterte er sich massenweise in die Herzen seiner Landsleute und wurde damit zur Bedrohung für die verknöcherten Herrscher Chinas.

Paradebeispiel: Die Macht der Symbole

Im Film lässt sich gut verfolgen, dass der chinesische Apparat kein Monolith ist, sondern das hier dies und da das getrieben wird. Wer aber ins Visier der nationalen Behörden gerät, wird fertig gemacht. Zumal auch Ai Wei Wei zwar erzsympathisch, aber nicht nur eine Lichtgestalt ist. So ist das Kind nicht von seiner Gattin, sondern von der Geliebten. Womit klar wird, wieso die Behörden in jetzt mit dem Vorwurf der Bigamie angreifen. (Was besonders gut passt für ein Land, in dem Geliebte zum guten Ton gehören. Und der grosse Führer Mao, wie man aus den Memoiren seines Arztes weiss, bis kurz vor seinem Tod, das Bett stets mit mehreren jungen Damen teilte.)

„Ai Wei Wei: Never Sorry“ ist ein meisterhaft gefertigtes Porträt mit einem hinreissenden Soundtrack, bei dem man viel über China lernt, einen grossartigen Künstler kennenlernt und das Kino mit dem Gefühl verlässt, das einem ein wenig mehr Zivilcourage gut anstünde. Freiheit ist ein kostbares Gut. Und die Kretins lauern allerorten.

---------

Ai Wei Weis Marmor-Sofa kann man noch kurze Zeit im Rahmen von Art and the City sehen.

Der Film läuft ab sofort im Kino Alba.

Karte wird geladen ...

Logo VBZ Logo Westnetz