Eine Leinwand für Jeff Koons

Koons gehört zu meinen Lieblingskünstlern. Weil er im Baseler Beyeler Museum ausgestellt wird, wolte ich unbedingt noch schnell eine Unterlage kaufen, damit er mir eine Blume zeichne.

Früher wäre ich lieber tot umgefallen, als dass ich jemanden um ein Autogramm angegangen wäre. Früher sah ich mich als knüppelharten Journalisten, und da gehört es zum Selbstverständnis, dass man sich nie, nie, nie wie ein Fan aufführt. In den Jahren, in denen ich für 10vor10 oder die SonntagsZeitung unterwegs war und allerlei Grössen und Zelebriäten traf, fragte ich nicht mal nach einem Autogramm, wenn mich sehr gute Freunde darum baten.

Einen Gesinnungswandel verursachte dreierlei. Meine guten Freunde Virchow und Thomas Campolongo, die sich völlig ungeniert und mit Begeisterung Unterschriften von Menschen holten, die sie verehren. Wohlgemerkt: Campolongo ist ein Stalin in Sachen Coolness!

Zweitens fasziniert mich, wie Bücher immer stärker in zwei Kategorien zerfallen: Hier das Buch als billiges Gebrauchsgut. Da das Buch als Fetisch, immer öfter nummeriert, signiert und mit allerlei Schnickschnack von komuner Massenware abgehoben. Ich liebe den Moment, wenn eine grosse Nummer ein Buch signiert und damit - so wie Jesus Wasser in Wein verwandelte - aus einem gebrauchten Buch ein Objekt von Wert macht. (Einen Akt, den ich übrigens stets filme, denn gerade bei den teuren Kunstbüchern bin ich mir sicher, dass da so manche Signatur nicht ganz koscher ist.) Und da ich eine stattliche Anzahl Künstlerbücher besitze, kann man ruhig auch die Kataloge ein wenig veredeln.

Drittens leben wir in unruhigen Zeiten, und ich glaube zumindest als Möglichkeit an das, was ich Künstlern, deren Signatur ich will, jeweils erkläre: „Wenn ich mal ein alter armer Mann bin, wird dieses Buch ein Schnitzel und ein Dreierli Roten bezahlen.“

Ein Schnitzel...
...und ein Dreierli Roter.

Nun habe ich ja schon von Koons signierte Bücher von früheren Rencontres und weiss, dass der Mann immer noch ein, zwei Blümlein dazu malt. So wollte ich für die Pressekonferenz im Museum Beyeler unbedingt ein neues, jungfräuliches und unsigniertes Koons-Buch mitnehmen. Allerdings ist das beim Angebot unseres Buchhandels gar nicht so einfach, und zu meinem Verdruss musste ich feststellen, dass die famose Buchhandlung „Kunstgriff“, die sonst im Löwenbräu zu Hause war, jetzt an der Albisriederstrasse 199A zu finden ist.

Also packte ich das mehrere Kilo schwere Koons-Buch von Taschen, das im Büro rumstand, in meinem Rucksack und sagte mir: Haemmerli, das ist jetzt wie Sport-Training! Da muss man durch. Und fuhr nach Basel.

Jeff Koons und Kitsch-Kunst

Koons, so scheint mir, ist ein wichtiger Künstler wegen zwei Werkgruppen.

Sein grosser Geniestreich, der ihm einen Platz in der Kunstgeschichte sichern wird, sind die Kitsch-Objekte, die er vergrössert in Museen ausstellte. Vor Koons gab es einen anderen Kanon von Werken und Künstlern die zur hohen Kunst gehörten. Man stritt sich innerhalb der Kunst über den Rang von diesem und jenem, es gab aber einen klaren Konsens über das, was sicher nicht zu guter Kunst zu zählen ist. Kitsch-Objekte, Nippes, Bilder von süssen Hündchen etwa gehörten nicht zur Kunst, im Gegenteil, sie waren ein sicheres Anzeichen von schlechtem Geschmack.

Nun hat der Kanon das Problem, dass sich nie ganz klar definieren lässt, was warum dazu gehört und was nicht. Indem nun Koons die Kitsch-Objekte in Galerien und Museen brachte, machte er einen Gegenentwurf stark von dem, was als schön zu gelten hat. Die Provokation liegt darin, dass es den archimedischen Punkt nicht gibt, von dem aus man die Kitsch-Kunst als Nicht-Kunst schmähen könnte. Und darin, dass die Nippes-Figuren und Kitsch-Objekte dem Schönheitsideal von eher bildungsfernen Schichten und Personen entsprechen, die das Gegenteil der Kunstwelt darstellen.

Kitschkunst: Koons im Beyeler

Jeff Koons und Ciccolina: Made in Heaven

Der zweite Geniestreich von Koons war die Zuspitzung seiner an Andy Warhol orientierten Inszenierung des Künstlers als Star. Schon früh setzte sich Koons in den Anzeigen für seine Galerie-Ausstellungen ins Bild. Dann heiratete er Ciccolina, eine Pornodarstellerin und italienische Abgeordnete, und schuf mit ihr die Serie „Made in Heaven“. Sie besteht aus inszenierten Fotografien, Nippes- und Porzellan-Figuren, denen etwas Kitschiges eignet und die Koons mit Gattin bei genitalem, oralem und analem Sex zeigen.

„Made in Heaven“ ist so kraftvoll, weil die Fotos so unverschämt sind und dabei mit so vielen Bezügen gespielt wird. Auf den ersten Blick bedient die Serie sich aller Klischees der Pornographie. Und was man sieht IST pornographisch, hat aber mit dem üblichen Geschäft der Pornographie kaum etwas zu tun, weil es sich erstens um Kunst handelt, und wir zweitens einem Paar beim ehelichen Vollzug, äh, beiwohnen. Dann spielt die Serie mit der Idee der Schönheit: Die Dekors sind bunt und kitschig und appellieren damit an eine unschuldige, kindliche Anschauung von Schönheit und Romantik, derweil die Akte verruchter Sex sind. „Made in Heaven“ war auch ein erfrischender Durchbruch, weil Koons die Selbstinszenierung des Künstlers als Star in der Linie Picasso, Dalí, Warhol weiter treibt und überbietet. Und damit – wie Warhol – die Bedingungen reflektiert, unter welchen Kunst produziert und als Marke positioniert wird.

Koons Standarderklärung lautet, dass die „Made in Heavens“-Werke für Selbstvertrauen plädierten und die Grenzen erweitert hätten für Leute, die unsicher seien, die ihren Körper und sich selbst als sexuelle Wesen nicht akzeptierten.

Auf Nachfrage im Beyeler erklärt mir Koons: „Das Whitney Museum hatte für die Ausstellung „Imageworld“ gefragt, ob ich etwas zum Thema Medien machen könnte. Das sollte auf Plakatwänden hängen. Ich hatte in der Kunstwelt eben grossen Erfolg mit meiner Banality-Ausstellung gehabt. In der amerikanischen Kultur ist man aber nur jemand, wenn man Filme oder Musik macht. Ich enschied, mich als Filmstar zu inszenieren. Ich dachte: Ich stelle diese italienische Politikerin ein, die mit Pornographie arbeitet, und es wird sein wie wenn ich einen Film gemacht hätte: „Made in Heaven“ starring Jeff Koons & Ciccolina. Ich spielte damit, dass ich Teil der amerikanischen Kultur wäre in einem Part, der wirklich zählt.“

"Jeff Koons" im Beyeler

Die Ausstellung im Beyeler heisst „Jeff Koons“, und wer deshalb eine Überblicksausstellung erwartet, wird etwas enttäuscht.

Die Schau beschränkt sich auf drei Werkserien. „The New“ ist stark an Duchamps Ready Mades angelehnt, an die Idee also, dass man fertige Objekte ins Museum stellt und damit zu Kunst deklariert. „The New“ gehört zum Frühwerk und zeigt Staubsauger in Vitrinen. Die Neonröhren, die sich hinter den Staubsaugern befinden, verweisen auf den Neon-Künstler Dan Flavin. Und Koons erinnert an den Staubsauger, der in „Just what is it that makes todays homes so different, so appeling“, einer bahnbrechenden Collage des britischen Popkünstlers Richard Hamilton, eine wichtige Rolle spielt.

The New: Koons Staubsauger

Die zweite Werkserie ist „Banality“, die aus grossen Kitschobjekten und Pop-Skulpturen besteht.

Banality: Pink Panther
Banality: Bath Tub

Die dritte ist "Celebration" und versammelt aus Ballons geknüpfte Figuren wie ein Hündchen oder einen Schwan, die übergross in Metall nach gemacht sind. Der Clou dabei: Die Objekte wirken leicht wie Ballone. Zu Celbreation gehören ausserdem hyperrealistische Malereien mit Bezug zur Kinderwelt.

Celebration: Koons Tulpen im Beyeler

Im Park des Beyeler findet sich ausserdem „Split-Rocker“, eine gigantische Skulptur, die von Blumen überwachsen ist. Auch diese Skulpturen sind zu einem Markenzeichen von Koon geworden, und – wenn man sie das erste Mal sieht – ein echtes Wow-Erlebnis.

Split-Rocker im Beyeler Park
Split Rocker: Innenleben
Markenzeichen: Blumenskulpturen

Ausgangs signierte der Mann meinen schweren Katalog, der mir in ferner Zukunft wahrscheinlich Schnitzel für zwei und ein ganzes Fläschchen Roten bescheren wird.

Jeff Koons, Museum Beyeler

13.05.2012-02.09.2012

  • Claude Brunner 18.5.2012 21.36 Uhr

    Bedeutet das, dass man jeden Schrott ins Museum stellen kann? Und wenn es vor einem noch niemand gemacht hat, dann ist das grosse Kunst?

  • . Haemmerli 18.5.2012 21.45 Uhr

    Im Prinziz ja. Was vom Künstler ins Museum oder die Galerie gestellt wird, hat als Kunst zu gelten. Die interessante Frage ist dann, ob es sich um gute oder schlechte Kunst handelt. Der Übervater, der ganzen Richtung, Marcel Duchamp, auf den Koons sich beruft, hatte ja extra eine Urinoir ins Museum gestellt, um seinen Punkt zu unterstreichen: Auch etwas, dass das Gegenteil der klassischen Schönheitsideal darstellt, kann als Kunst gelten. Damit geht ein ganz neuer Horizont auf, was man wie betrachten kann. Und mit diesem Blick sind dann eben auch Koons Staubsauger ästhetisch interessant.
    Wir resümieren: Man kann im Prinzip jeden Schrott ins Museum stellen und gilt als Kunst. Schwierig aber ist es, etwas zu finden, das noch niemand ins Museum gestellt hat. Etwas das interessant, aufregend, neu oder ansprechend ist. Deshalb ist es oft schlechte Kunst & prätentiöser Schmarren, wenn Künstlers einfach irgendwas hinstellen. Was wohin gehört, draüber muss man streiten.

  • . Haemmerli 18.5.2012 23.06 Uhr

    Äh: P! Ich meinte: Im Prinzip.

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