«Die Schweiz ist eine grosse Stadt»

Alle schreien nach mehr Wohnungen und innerer Verdichtung. Doch auch Verdichtung hat eine Kehrseite. Roman Hanimann über die Probleme der Planung, über Fehler der Vergangenheit und weshalb sich die Stadt nicht zu schnell entwickeln sollte.

Wie wird man Raumplaner?

Bei mir hat sich das entwickelt. Mich hat der technische Bereich interessiert, weshalb ich in technischen Berufen eine Lehre suchte. Fündig wurde ich bei einem Vermessungszeichner. Dort lernte ich alles was effektiv gebaut wurde, millimetergenau zu vermessen. Der Beruf hat mir gefallen, aber das war mir dann doch zu konkret. Per Zufall bin ich später auf die Hochschule für Technik in Rapperswil gestossen, wo der Studiengang Raumplanung angeboten wurde. Da wusste ich, das will ich lernen.

Aus welcher Überzeugung wird man Raumplaner?

Mir wurde damals während der Lehre bewusst, dass wir nur begrenzten Boden zur Verfügung haben. An meinem Heimatdorf konnte ich sehen, wie es nicht gemacht werden sollte. Man zonierte Landstück für Landstück ein, erbaute eine schön geschwungene Strasse und errichtete Einfamilienhäuser. Ich habe damals nicht verstanden, weshalb man so plante und baute. Als Raumplaner möchte ich einen anderen Weg gehen.

Quält man sich als Städteplaner nicht meist nur mit Fehlern der Vergangenheit ab?

Veränderungen spielen in der Raumplanung eine grosse Rolle. Während der Hochkonjunktur der 60ern und 70ern hat man in den Agglomerationsgemeinden sehr Auto-orientiert gebaut. Weil damals die Städte im Stau versanken, wurden in den Vorortsgemeinden grosszügige Strassen gebaut. Heute ist diese Infrastruktur eher ein Problem. Wir bearbeiten zurzeit verschiedene Projekte, die genau dies zum Thema haben. Wie passe ich zu gross dimensionierte und falsch angelegte Strassen an? Veränderung macht die Stadtplanung spannend.

Kann die Veränderung der Bedürfnisse einer Gesellschaft überhaupt in der Planung berücksichtigt werden?

Es muss berücksichtigt werden. Städtebau ist keine fertige Planung. Es ist ein laufender Prozess. Es gibt keinen abschliessenden Masterplan. Man muss sich laufend überlegen, wo man bestehende Qualitäten erhalten soll und wo mit Veränderungen der Stadtstruktur neue Qualitäten geschaffen werden können.

Haben Sie nie Angst, dass Sie etwas falsches geplant haben?

Es ist so, dass man während dem Planen daran denkt, dass man vielleicht nicht alle zukünftigen Bedürfnisse mitberücksichtigen kann. Auf der anderen Seite schafft man ja mit einer guten Planungsgrundlage die Voraussetzung für eine anpassungsfähige Stadtstruktur.

«Die Stadt ist gebaut», meinte Ursula Koch in den 90er-Jahren. Wie sehen Sie das?

Dieser Satz hat in der Baubranche für Aufregung gesorgt. Koch wollte nicht eine Veränderung verhindern, sondern das Tempo der Entwicklung reduzieren. Was ich durchaus verstehen kann. In Zürich-West wollte Ursula Koch die Industriezone nicht einfach für Büronutzungen öffnen, sondern eine Umnutzung nur im Rahmen eines Gestaltungsplanes zulassen und so eine schrittweise, qualitative Quartierentwicklung ermöglichen.

Wie definieren Sie ein Quartier?

Als Planer definiere ich ein Quartier als ein überschaubares Stadtviertel, welches sich aufgrund der vorhandenen räumlichen Struktur wie Topografie, Strassensystem oder Bebauungstyplogie von den anderen unterscheidet. Idealerweise bietet das Quartier Platz für gemeinschaftliche Infrastruktur und Grundversorgung – zum Beispiel eine Quartierbeiz an der nächsten Strassenecke. Ein Quartier lebt von den Einwohnern und Beschäftigten, welche sich mit ihrem Umfeld identifizieren. Je nach persönlichem Bewegungsraum werden so die Quartiergrenzen auch sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Sie wohnen seit über zehn Jahren im Kreis 5. Was gefällt Ihnen am Entstandenen?

Auf der einen Seite Richtung Langstrasse hat man die konventionelle Quartierstruktur. Es ist ein sehr vielseitiger Ort und und bietet Platz für unterschiedliche Lebensformen und Nutzungen. In Zürich-West schätze ich die rauen und sperrigen Gegenden. Man findet auch sehr unschweizerische Orte hier. Zum Beispiel den Prime-Tower neben der Helsinkigarage. Diesen Kontrast finde ich auch schön. Konzertlokale, Bars und Restaurants in nächster Nähe zu haben ist eine grosse Qualität.

Das ist aber alles an der Hardstrasse. Dieses Kulturangebot ist nur möglich, weil man dort noch nichts Neues gebaut hat.

Das ist wahr. Deshalb sollte mit den noch vorhandenen Zwischen- und Freiräumen sehr sorgfältig umgegangen werden.

Jacqueline Badran behaupten, es sei ein Reichenghetto entstanden, da die Hochhäuser der Bevölkerung nicht dienen, nur Anlageobjekte seien und die Krawattenträger tagsüber zwar da seien, in der Nacht jedoch verschwinden würden und Zürich-West leer zurücklassen. Sind das reale Probleme?

In Zürich-West hat man momentan einen sehr tiefen Wohnanteil. Es gibt zu wenige Wohnungen – zu wenig günstige Wohnungen. Weil vor allem Wohnungen im oberen Preissegment entstanden sind, ist die Wohnungsvielfalt in Zürich-West nicht sehr hoch, was ich als Bewohner sehr bedauere. Denn ein breites Wohnungsangebot wirkt sich positiv auf ein aktives Quartierleben in der Nachbarschaft aus.

Wie hätte man das verhindern können?

Grundsätzlich ist Zürich-West ja immer noch im Entstehen. Mit den Planungsinstrumenten kann man einen höheren Wohnanteil festlegen. Zudem wäre es auch denkbar, dass im Rahmen der planerischen Umsetzung ein Anteil preisgünstiger Wohnungen vorgegeben wird. Dies muss man aber politisch aushandeln. Grundsätzlich wäre es ja auch möglich, Hochhäuser zu bauen, in denen man Wohnungen im 'normalen' Segment anbietet. In den städtischen Hardau-Hochhäusern sind beispielsweise keine Luxuswohnungen untergebracht.

Was ist Ihr grösstes Anliegen an künftige Planungen?

Das Grundlagen und Rahmenbedingungen für eine sukzessive, also schrittweise entwickeln, und vielfältige Quartierentwicklung geschaffen werden. Dies könnte zum Beispiel auch mit der Parzellenstruktur, also mit der Grösse des Grundstücks, vorgegeben werden. Dadurch könnten einzelne Parzellen auch an kleine Bauträgerschaften abgegeben werden.

Was wäre der Vorteil?

Es gäbe mehr Möglichkeiten um auch noch später auf die Bedürfnisse des Quartiers und der Quartierbewohner einzugehen. Spätere Umnutzungen, Umbauten und Ersatzneubauten können parzellenweise vorgenommen werden. Bei masstäblich grossen Quartierplanungen müssen alle Bedürfnisse soweit als möglich vorher geklärt sein. Denn es wird geplant, gebaut und dann ist's fertig.

Aber um dichter zu bauen, müssen die Parzellen auch eine gewisse Grösse haben.

Nicht zwingend. In der Stadt Zürich gibt es sehr dichte Quartiere. Die Blockrandbebauungen, wie man es beispielsweise in Wiedikon hat, sind auch klein parzelliert und trotzdem dicht. Wenn Hauswand an Hauswand gebaut wird, kommt man auch auf eine hohe Dichte..

Wie werten Sie das Hochhaus als Mittel zur Verdichtung?

Bezüglich Dichte spielt es eine untergeordnete Rolle. In der Stadt Zürich gibt es da ja auch baurechtliche Grenzen. Dadurch kann nicht Hochhaus an Hochhaus gebaut werden und die Möglichkeit, wie beispielsweise Manhattan zu bauen, besteht nicht. Die Hochhäuser stehen einfach zu weit voneinander entfernt. Fünfgeschossige Blockrandbebauungen sind deshalb ähnlich dicht. Ein schöner Vergleich ist Paris, eine sehr dichte Stadt die mehrheitlich aus Blockrandbebauungen besteht.

Was ist wenn man in 50 Jahren dann doch merkt, dass diese fünf Geschosse nicht ausreichen?

Ich gehe davon aus, dass auch in den nächsten 50 Jahren die Stadt an strategischen Standorten qualitativ und baulich verdichtet wird. Falls dies nicht reicht, könnte beispielsweise auch die Wohnungsbelegung wieder verändert werden. Damit werden sehr viele Reserven frei. Vielleicht wohnt man dann nicht mehr zu Zweit in einer 100 Quadratmeter-Wohnung sondern zu Viert. Das führt auch wieder zu einer höheren Dichte. In vielen bestehenden Siedlungsgebieten sinkt übrigens momentan die Bevölkerungszahl, obwohl man stetig mehr baut.

Was charakterisiert das 'Urban'?

Dieser Begriff wird ja sehr unterschiedlich verwendet. Als Planer verwende ich den Begriff im Zusammenhang mit sozialer, baulicher und funktionaler Dichte. Wenn eine vielfältige Mischtung auf engem Raum vorhanden ist, dann ist das für mich urban.

Was unterscheidet Schweizer Städte von anderen?

Ich habe das Gefühl, dass im Unterschied zu anderen Ländern die Städte in der Schweiz stärker vernetzt sind und auch viel zwischen den einzelnen Städten gependelt wird. Viele haben die Zahnbürste dabei und gehen von St. Gallen nach Zürich, von dort aus weiter nach Bern und enden dann in Luzern. Die Schweiz ist ein Städtenetz mit vielen verschiedenen Orten und spezifischen Quartieren, gerade weil der öffentliche Verkehr so gut ist. In London beispielsweise hätte man länger von der Agglomeration ins Zentrum, als von Zürich nach Bern.

Wie bekämpft Ihr als Raumplaner die Wohnungsnot?

Im Ballungsraum Zürich wird ja zurzeit sehr viel gebaut. Zusätzlich könnte man, wie gesagt, viel über den Wohnflächenbedarf erreichen. Als Raumplaner kann man dies berücksichtigen. Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel die Flexibilität der Wohnungensgrundrisse. Vielleicht sollte man mehr Wohnungen bauen, die in Zukunft auf eine höhere Belegung abgestimmt werden können. Konkret könnten mehr gleichgrosse Zimmer erstellt werden, welche sich je nach Wohnsituation unterschiedlich nutzen lassen.

Was müsste politisch geschehen, um effektiver der Wohnungsnot entgegenzutreten?

Grundsätzlich soll an geeigneten und gut erschlossenen Lagen die verdichtete Bauweise gefördert werden. Im Rahmen von Sondernutzungsplanung ist dabei ein deutlicher Dichtesprung einzufordern. An solchen Verdichtungsschwerpunkten sind nicht nur zusätzliche Geschossflächen, sondern auch eine höhere Bevölkerungs- beziehungsweise Belegungsdichten auszuhandeln.

Wieso erhöht man die mögliche Geschosszahl in der Bau- und Zonenordnung nicht?

Grossräumige innere Verdichtung ist oftmals auch problematisch. Denn man verändert ganze Quartiere. Ich bin gegen eine Verdichtung im Giesskannen-Prinzip, das heisst, überall ein Geschoss mehr zu bauen ist keine Lösung. Man muss meiner Ansicht nach einen anderen Ansatz wählen. Man müsste konzentriert an einzelnen Orten dicht bauen und so neue Wohnflächen schaffen. Diesbezüglich wird ja auch über die Grenzen der Stadt Zürich gedacht. Wenn sich die 'Stadt' flächenmässig ein wenig ausweitet, muss das nicht nur schlecht sein.

Aber das verführt ja zur weiteren Zersiedelung.

In der Agglomeration gibt es noch sehr viele Reserven auf unternutzten Baufeldern und Restflächen, welche sich bereits heute im Siedlungsgebiet befinden. Durch eine Neustrukturierung von solchen Flächen wird und kann auch in Zukunft ein grosses Potenzial aktiviert werden.

Man soll also die Agglo urbanisieren. Neustrukturierungen sind aber auch dort nicht einfacher, auch politisch gesehen nicht. Wäre es nicht effektiver, eine neue Stadt auf der grünen Wiese zu bauen?

Ein Versuch wäre es Wert, eine solche Stadt neu zu erbauen. Man könnte sicherlich viel davon lernen. Doch grundsätzlich finde ich es viel spannender eine Stadt weiter zu entwickeln, die eine eigene persönliche Geschichte hat. Jede Stadt, jedes Dorf, jedes Quartier muss individuell behandelt werden und an die heutigen und zukünftigen Bedürfnisse der Bewohner angepasst werden. Das ist einerseits eine grosse raumplanerische Herausforderung, weil es nicht nur eine Lösung gibt und geben kann, andererseits macht aber genau dies mein Beruf als Raumplaner so spannend.

ROMAN HANIMANN

Der St.Galler Roman Hanimann absolvierte eine Lehre als Vermessungszeichner. Danach holte er die Berufsmaturität nach, um an der Hochschule für Technik in Rapperswil Raumplanung zu studieren. Heute ist Hanimann selbständig und arbeitet er als Raumplaner beim Atelier für Städtebau «Van de Wetering».

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