“Die Kommerzialisierung von Bioprodukten geht mir auf die Nerven”

Daniel Rüfli sass lange Zeit im Zentrum der Macht und erlebte als persönlicher Berater von Bundesrat Samuel Schmid hautnah den Berner Politbetrieb. Heute ist der Stadtzürcher Inhaber des Marktladens “Berg und Tal” und verkauft Schweizer Regionalprodukte.

Als ich an jenem herbstlich-kühlen Freitagmorgen etwas verspätet in die Markthalle stolpere, treffe ich einen aufgebrachten Daniel Rüfli. Der Zorn gilt aber nicht etwa meiner Unpünktlichkeit, sondern einem etwas verwahrlost aussehenden Tisch mit einer Plexiglasscheibe als Spuckschutz vornedran. Dieser sei ihm heute Morgen geliefert worden und er müsse seine Oliven darauf ausstellen. Seine Wut ist verständlich, denn das Möbel passt mehr schlecht als recht in seinen heimeligen Comestible-Laden “Berg und Tal”. Aber Rüfli ist ein lösungsorientierter Mensch und nach ein paar einrichtungstechnischen Umstellungen steht der Tisch schliesslich mitsamt den Oliven in einer Ecke. Zwar noch immer nicht zufrieden, aber sichtlich weniger aufgebracht, holt sich Rüfli einen Kaffee und zündet sich einen Glimmstängel an. Wir setzen uns auf die grünen Gartenstühle und fangen ganz von vorne an.

Von der Heimat Zürich-Höngg nach Bern

Rüflis Geschichte beginnt in Zürich-Höngg, wo er geboren und aufgewachsen ist. Schon als Kind war er immer gerne am Fluss oder hat in den Gärten an der Pfingstweide gespielt. Später hielt er sich als Gymnasialschüler in den illegalen Bars unter der Eisenbahnbrücke auf, oder als hartgesottener GC-Fan im Hardturm Stadion. Nach seiner Schulzeit hat er in Zürich und Hamburg Rechtswissenschaften studiert und anschliessend drei Jahre als Anwalt auf diesem Beruf gearbeitet. Dann lernte er als persönlicher Berater von Bundesrat Samuel Schmid das Bundeshaus von innen kennen. Wie es dazu kam, weiss er bis heute selber nicht so genau.

Daniel Rüfli in seinem Comestible-Laden "Berg und Tal"

Als Bürger, der zwar keiner Partei angehörte, sich aber stets für Politik interessierte und zahlreiche politische Engagements pflegte, bewarb er sich 2002 auf einen öffentlichen Stellenausschrieb als Bundesratsberater. Rüfli übertrumpfte alle Konkurrenten und bekam den Job. Er ist zwar ein Stadtzürcher und entstammt nicht dem Parteikuchen, aber auf persönlicher Ebene hat Rüfli mit Schmid viel gemeinsam: “Der Soziolge Max Weber unterscheidet zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethikern. Ersterer handelt ungeachtet der Handlungsfolgen, letzterer orientiert sich stets an den Ergebnissen und deren Verantwortbarkeit. Ich bin zu hundert Prozent ein Verantwortungsethiker und mein Chef war dies ebenfalls.” Als er seine neue Stelle antrat, hatte Rüfli keine Ahnung, was auf ihn zukommen würde. Er wollte mitgestalten und mitlenken. Was aber vor allem auf ihn wartete, war eine Menge Papierkram. Dennoch hielt die Faszination an, gerade weil das Schweizer System so komplex ist: “Wir haben keinen Gaddafi, der sagt wo’s langgeht. Bei uns wirken viele Leute mit, beteiligen sich an Konsensfindungen oder auch nicht. Man kann nicht immer seine Meinung durchsetzen, aber ich sehe das langsame System der Schweiz als eine Riesenchance. Es muss nicht alles von heute auf morgen passieren, das kommt meist nicht gut.” Der SVP würde er nie im Leben beitreten, genauso wenig wie der SP. Allerdings sei die Parteizugehörigkeit gar nicht wichtig gewesen damals, im Gegenteil, er habe seine Arbeit seriös gemacht: “Es gibt viele Selbstdarsteller und Parteinasen, die rein ideologisch handeln und keine Rücksicht auf andere Meinungen nehmen. Das kann ganz schön nerven.”

Adieu, Bern!

Nach sieben Jahren und acht Monaten verabschiedete sich Rüfli von Bern und fand in Zürich eine neue Erfüllung. Als ein Mann, der immer gerne gekocht und gegessen hat, liess er sich von den Initianten der Markthalle dazu überreden, am Wettbewerb für ein Comestible-Feinschmecker-Geschäft mitzumachen. Wieder übertrumpfte er alle, gewann und eröffnete im September 2010 den Interregio-Laden “Berg und Tal” für nachhaltig produzierte Lebensmittel von Schweizer Kleinproduzenten. Er sagt dazu: “Ich will nicht immer ins Bündnerland fahren müssen, um eine Nusstorte zu kaufen”. Ein anderes Thema ist die Nachhaltigkeit: “Ich bin ein Fan von ‘bio’, aber die Kommerzialisierung von Bioprodukten geht mir auf die Nerven. Ich bin für eine andere Form von Nachhaltigkeit und mir ist auch klar, dass man davon nicht die Welt ernähren kann.” Bei “Berg und Tal” hat Qualität oberste Priorität, es darf nichts industriell produziert werden und es muss aus der Region kommen, aber: “bei allem Respekt, es ist dann nicht immer ‘bio’, sondern ‘regional’.”

Die Markthalle ist gradios!

Die Entwicklung in Zürich-West sieht Rüfli als unaufhaltsam: “Die Welt dreht sich und ich kann mich nicht dagegenstemmen, sondern versuche, mich damit auseinander zu setzen.” Was ihm besonders missfällt, sind die “menschenverachtenden Betonwüsten”. Er, der sich selber als Optimist bezeichnet, könnte sich vorstellen, dass das Quartier in ein paar Jahren zu einem Ghetto verkommt, wie man es aus Amerika kennt. Das Projekt Markthalle findet er hingegen grandios: “Das Konzept ist absolut neu für Zürich. Wir befinden uns in einem Lernprozess. Es wird gekämpft und gerungen, es werden Fehler gemacht und hinterher besprochen. Mit vielem ist man nicht zufrieden, aber man lernt.” Ihre Kundschaft müssen sich die Gewerbler bei den Viaduktbögen erst aufbauen, aber das läuft ganz gut. Als Geschäftsführer, fügt Rüfli noch an, darf man allerdings erst zufrieden sein, wenn man sich zurücklehen kann und nicht mehr arbeiten muss.

Homepage Martkhalle im Viadukt

Homepage Berg und Tal

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