„Die Frauen verkaufen nicht sich selbst“

Geht’s um Prostitution, führt kaum ein Weg an ihm vorbei: Seit Jahren macht sich Valentin Landmann, Strafverteidiger und Buchautor, fürs Milieu stark. Die geplanten Sexboxen findet er einen Versuch wert.

Auf dem Tisch steht ein Grappa, eingepackt in Geschenkpapier mit hübscher Schlaufe. Gleich daneben stapeln sich Akten, Ordner und Papier. Hier wird gearbeitet, das ist nicht zu übersehen. Im Regal am anderen Ende des Raums reiht sich Buch an Buch. Nein, nicht die üblichen ZGBs und ORs. Es finden sich Titel zu Themen wie LSD, „dem Bösen“ oder jüdische Anekdoten. Mittendrin, zwischen Pult und Regal, sitzt Valentin Landmann.

Herr Landmann, am 11. März stimmen die Zürcher über den geplanten Strichplatz in Altstetten ab. Was stimmen Sie?

Ich finde, man sollte dem Strichplatz eine Chance geben. Das Sexgewerbe ist ein völlig legales Gewerbe, die Stadt muss Platz zur Verfügung stellen dafür. Klar, die Sexboxen sind keine sehr romantische Möglichkeit. Doch es gibt Prostituierte und Freier, die genau das wollen: kurzen, versachlichten Sex.

Die Gegner der Vorlage sagen, es sei menschenunwürdig in Boxen anzuschaffen.

Für viele ist Sex in Autos grundsätzlich nicht denkbar. Auch ich muss offenkundig gestehen, dass ich nicht weiss, wie man das im Auto anständig machen soll. Bei mir bräuchte es wahrscheinlich eine Blechschere, um mich da wieder rauszubekommen (lacht). Aber es scheint beliebt zu sein, und letztendlich ist die Nachfrage auf dem Markt entscheidend.

Aber welche Vorteile bietet der Strichplatz den Frauen?

Man kann und soll auf dem Strichplatz ein Biotop entstehen lassen, wo sich die Frauen wohlfühlen. Neben den Boxen sollte es deshalb auch Würstlibuden, Kaffeehäuschen und dergleichen geben. Dadurch entsteht automatisch eine gewisse Sozialkontrolle, von der die Frauen profitieren können. Da fällt dann beispielsweise auf, wenn eine Frau unter Druck arbeitet. Beim Strassenstrich am Sihlquai ist dies ja nur beschränkt möglich.

Welches sind denn die Probleme des Sihlquai-Strichs?

Die Situation am Sihlquai ist aus dem Ruder gelaufen, weil die Absteigen verschwunden sind. Dies hat zur Folge, dass sie sich die Frauen eine Loge nehmen und mit dem Gast durchs halbe Quartier laufen müssen. Oder sie müssen es irgendwo im Auto machen. Aber man will ja nicht einfach den ganzen Abend nur rumlaufen oder herumstehen. Man will sich doch auch mal hinsetzen, etwas trinken und miteinander reden. Das ist ja überall so.

Sie erwähnen immer wieder, dass das Sexgewerbe ein Gewerbe ist, wie jedes andere auch.

Absolut. Die Frauen verkaufen ja nicht sich selbst. Sie verkaufen eine reine Dienstleistung. Viele Männer aus der bürgerlichen Welt schätzen dieses Angebot und haben Spass daran, wenn sie von den Frauen Bestätigung bekommen und hören, sie seien der Grösste. Das ist völlig legitim. Beim Coiffeur will man schliesslich auch hören „Sie haben schöne Haare“.

Glauben Sie wirklich, dass die Frauen so eindeutig unterscheiden können zwischen reiner Dienstleistung und dem Verkauf des eigenen Körpers?

Ich gebe zu, es ist eine sehr nahe Dienstleistung. Aber es gibt viele persönlich nahe Dienstleistungen. Der Gynäkologe kommt seinen Kunden auch sehr nahe. Wenn Sie ihn fragen würden, ob er unterscheiden könne zwischen Sex und der Untersuchung einer Frau, dann kann er das. Auch die Sexarbeiterinnen unterscheiden in dieser Hinsicht klar, da gibt es eigentlich keine Graufälle.

Landmanns Handy klingelt. Er nimmt ab und verlässt den Raum. Nach einigen Minuten kehrt er aufgeregt zurück. „Sie müssen entschuldigen, aber da war ein totaler Blödsinn in der Berner Zeitung. Ein pädophiler Hells Angel sei verurteilt worden in Thun. Dabei war das gar kein Hells Angel. Völliger Blödsinn ist das… Wo sind wir stehen geblieben?“

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse am Rotlicht-Milieu?

Das ist eine gute Frage, die ich letztlich nicht beantworten kann. Wahrscheinlich sind es die ganzen Tabuthemen wie Sex, käuflicher Sex und so weiter, die mich faszinieren. Zudem interessieren mich die Vorgänge und Gesetze auf diesem Gebiet. Und natürlich sind auch die schönen Frauen, denen ich immer wieder begegne, nicht unangenehm.

Sehen Sie sich als Sprachrohr des Milieus?

Es wäre überheblich, wenn ich mich als Sprachrohr bezeichnen würde. Ich engagiere mich aus eigenem Antrieb. Ich habe zwar viel zu tun mit der Unterwelt, der Halbwelt und natürlich auch mit der bürgerlichen Welt. Aber letztlich habe ich meine eigenen Meinungen dazu. Ich kann mich lediglich dafür einsetzen, dass die Leute versuchen sich ins Milieu hineinzudenken und ein Verständnis für andere Sphären entwickeln.

Zum Weiterlesen:

Wollen wir Sexboxen? - Die Abstimmung

Interview mit Doro Winkler von der Frauenberatungsstelle FIZ

Unterwegs mit Flora Dora

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