Der letzte Mohikaner

Eine funktionierende Wohlstandsgesellschaft braucht immer auch ein bisschen Widerspenstigkeit, damit sie "gesund" bleibt. Und dafür sorgen unter anderem auch junge Künstler, die im urbanen Raum arbeiten. Einer von ihnen ist Navid Tschopp. Wenn er in den öffentlichen Raum interveniert, ist sein Ziel Interessen, und Widersprüche im öffentlichen Raum aufzuzeigen. So auch bei seiner neusten Aktion „Résistance“ am Wohnhaus an der Turbinenstrasse im Trendviertel Zürich West.

Im Kontext von Art and the City und einer Ausstellung im K3 Project Space hatte er eine Intervention an der Fassade der Restmauer der Hausnummer 10 angebracht. Mit grossen Lettern steht nun seit vergangener Woche RESISTANCE. Der Schriftzug ist grafisch dem jenem des benachbarten Hotel Renaissance nachempfunden. Der Hotelbesitzer Peter Schickling zeigte sich gegenüber der Presse (TA vom 19.9.2012) kulant, ihn störe die Schrift nicht, aber das Haus selbst allerdings schon, weil es die Zufahrt auch zu seinem Hotel erschwere. Die Aktion weist sehr deutlich auf einen Territorialkampf, der die Umgestaltung von Zürich West mit sich führt.

Das Haus an der Turbinenstrasse ist ein letzter Mohikaner im knallharten Immobilienmarkt der Stadt. Das Haus mit Baujahr 1893 hätte eigentlich längst abgerissen werden sollen, denn es blockiert die ungestörte Zufahrt zum Maag Areal. Doch die Besitzer weigern sich zu verkaufen. Navid Tschopp hat im Rahmen seiner Arbeit den ältesten Bewohner des Hauses befragt. Das aufgezeichnete Gespräch war in der Ausstellung im K3 zu hören. Der ältere Herr wehrt sich gegen die Argumentation der Baulöwen, dass eine Beseitigung des Hauses im Interesse der Öffentlichkeit geschehen würde. Er meint nicht ohne Schalk, es sei doch eher so, dass eben dieser Kontrast im öffentlichen Interesse stünde. Regelmässig kämen Passanten, Touristen und sogar Hotelgäste des Renaissance, um das Symbol des Widerstands zu fotografieren.

Das Arbeiterhaus gehört wie die Original Fabrikgebäude oder die Schrebergärten zu den letzten Überreste einer anderen Zeit, als die Arbeiterklasse das Quartier besiedelte. Nicht mehr viel erinnert daran, geschmeidige Glasbauten, Hochhäuser und betonierte Plätze sind der Rauheit gewichen. Keine Kieswege mehr, wenig natürlich gewachsene Vegetation sind um das Areal Escherwyss Maag und Förrlibuck geblieben. Bis auf dieses kleine Mehrfamilienhaus an der Turbinenstrasse. Und da steht es nun, ein wild wucherndes Biotop inmitten der durch designten Umgebung.

Freiheit versus Regulierung

Tschopp begleitet mit seiner Kunst die Umgestaltung von Zürich West in eine Hochburg der Dienstleistung. Tschopps Interventionen im öffentlichen Raum operieren bewusst in Gegensätzen und reagieren damit auf die Tendenz der Regulierung im öffentlichen Leben. „Wir sind keine trivialen Maschinen, wir brauchen Freiheit“, meint er, und diese beginnt im Kopf. Mit seinen Interventionen möchte er gegen die Selbstzensur in unseren Köpfen reagieren und Handlungs- und Denkmöglichkeiten aufzeigen, deren wir uns schon nicht mehr bewusst sind. Mittels witzigen Eingriffen im öffentlichen Raum hinterfragt Tschopp Konventionen und Normen und führt diese in den gesellschaftlichen Diskurs. Er plädiert für mehr Rechte des Einzelnen im urbanen Raum, für mehr eigenständiges Denken und Kulanz gegenüber dem Ungewohntem und Fremden.

Das Nagelhaus als Symbol des Widerstands

Tschopp verweist mit der „Résistance“ unter anderem auf eine Kontroverse der städtischen Kunstpolitik aus dem Jahr 2010. Damals lehnte das Stimmvolk einen Kredit für das Projekt „Nagelhaus“ am neu gestalteten Escher Wyssplatz ab. Der Hybrid von Architektur und Kunst war als Kiosk-Toilette gedacht und stammte vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Die SVP hatte das Referendum gegen das geplante „Nagelhaus“ ergriffen mit der Parole „5.9 Millione für e Schiissi“. Dabei verdeutlichte dieses Nagelhaus nach einem Vorbild aus China auf die radikalen städtebaulichen Massnahmen, wie die Hardbrücke, die einen Stadtteil brutal zerschneidet. Somit ist es ein Symbol des Widerstands. Nun hätte Zürich West sogar ein Original-Nagelhaus, und dieses stehe an der Turbinenstrasse, meint Tschopp mit einem Schmunzeln.

"Der öffentliche Raum soll demokratisch bleiben"

Wegen der demografischen Entwicklung und der abnehmenden kulturellen (sozialen) und architektonischen Durchmischung bietet Zürich West immer weniger reizvolle Gelegenheiten für künstlerische Interventionen. Es sei sehr schwierig in diesem 'öffentlichen' Raum zu operieren und ein Werk zu gestalten. Stadtteile mit grosser kultureller und sozialer Durchmischung bieten Navid Tschopp mehr Inspiration und Möglichkeit neue Kunstwerke zu realisieren.

Und tatsächlich fällt auf, wie viele Überwachungskameras die Neugestaltung von Zürich West mit sich gebracht hat. Soll der öffentliche Raum nach demokratischen Grundsätzen folgen, ist bereits das Schwinden von unüberwachtem Raum eine Einschränkung für die Freiheit eines Individuums.

foto: navid tschopp

Webseite des Künstlers Navid Tschopp

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