Der Kurgast

„Der Kurgast“ von Hermann Hesse wurde 1923 geschrieben. Fast neunzig Jahre später wirkt es frisch, unterhaltsam und erheiternd wie eh und je. Das Sogar Theater bringt den Klassiker auf die Bühne.

Das Sogar Theater in einem Innenhof an der Josefstrasse ist klein. Bei der Premiere von „Der Kurgast“ sind alle Stühle besetzt. Etwa fünfzig Gesichter schauen gebannt nach vorne zur winzigen Bühne. Ein älterer Herr, ganz in schwarz gekleidet, setzt sich an ein Lesepult und liest, laut und mit klarer deutlicher Aussprache.

In Hesses Buch „Der Kurgast“ geht es um den Kuraufenthalt des Autors in Baden, den er im Alter von 46 Jahren wegen Gicht und Probleme mit dem Ischiasnerv vornimmt. Dabei schildert er den Kuralltag mit den vielen Bädern, den üppigen Mittagessen, der Heilgymnastik und den anderen Kurgästen, allen voran seinem Zimmernachbarn, ein lauter Holländer. Trotz den immensen Schmerzen, die er dazumal verspürte, bleibt Hesses Ton heiter und komisch, gekonnt gewürzt mit einer Prise schwarzen Humors. „Jeder Tag, und gar ein Kliniktag fängt leider mit einem Morgen an.“ Es sind Sätze wie diese, die, so banal sie in ihrer Aussage sein mögen, von einer simplen Wahrheit zeugen, die Hesses Stellung in der deutschsprachigen Literatur rechtfertigen.

Klaus Henner Russius liest siebzig Minuten lang unermüdlich Hesses Zeilen und fühlt sich dabei in den neurotischen Schriftsteller hinein. Man könnte meinen, Hesse selbst hocke am Pult und beschreibe die Heilkur. Das liegt an Russius‘ Fähigkeit, die Geschichte sein eigen zu machen, indem er nicht bloss vorliest, sondern erzählt. Seine Sprechweise ist ungezwungen, und seine Bühnenpräsenz wirkt ungekünstelt. So schnäuzt er ruhig mal, wenn es gerade nötig ist, oder gönnt sich zwischendurch einen Schluck Wasser.

Eine Lesung mag nicht jedermanns Sache sein. Hätte man „Der Kurgast“ in ein Schauspiel mit mehreren Protagonisten, einer anständigen Kulisse und Requisiten verpackt, wäre das Stück sicherlich lebendiger geworden. Aber eines ist sicher: Ob gelesen, gespielt, erzählt, oder gehört; Hesses Worte sind immer wieder ein Genuss.

Foto: Bernhard Fuchs

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