Der Fluch der guten Lage

"Sie dürfen Ihre Sachen selber mitnehmen", sagte die Kellnerin in der Bars des Clouds überaus grosszügig. "Danke, das ist lieb von Ihnen", antwortete ich – nicht wirklich erstaunt über das tiefe Serviceniveau hoch über den Dächern von Zürich.

"Der Fluch der guten Lage" steht für ein Naturgesetz, das Gesetz, dass sich die Qualität des Service eines Gastronomiebetriebs umkehrt proportional zur Qualität der Lage des Betriebs verhält. Kurz: Je besser die Lage, desto mieser der Service.

Zwar steht "der Fluch der guten Lage" nicht in Newtons "Principia Mathematica" doch wissen wir alle aus empirischer Anschauung, dass dieses Gesetz ebenso eherne Gültigkeit hat wie etwa "actio = reactio".

Was für das Bergrestaurant auf dem Grossen Mythen gilt, ist ebens gültig für Schiffrestaurant, SBB-Speisewagen, Restaurants mit Seeanstoss - und eben das Clouds hoch über den Dächern von Zürich, mit seiner einmaliger Aussicht (vgl. Bild oben). Hier, in den Wolken, sind Speis und Trank nicht gerade billig. Entsprechender Service dürfte der Kunde erwarten – wäre da nicht das Gesetz von der umgekehrten Proportionalität des Service im Verhältnis zur Qualität der Lage des Betriebs.

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, aber im Umfeld des Autors häuften sich die negativen Kommentare zum Service im Clouds. Selber habe ich auch seltsame Szenen erlebt. So wurde ich neulich im Clouds beim Wechsel des Tisches – ein Tisch direkt am Fenster wurde frei, kurz nachdem wir uns gesetzt hatten - aufgefordert, die (nicht bestellte) Nussschale (vgl. Bild unten) und die Glasuntersätze selber an den neuen Tisch mitzunehmen. Für 19 Franken pro Drink kam mir jedoch nicht in den Sinn als Hilfskellner zu wirken, zumal ich gar keine Nüsse esse... Die Kellnerin "übernahm" ihre Aufgabe zwei Minuten später doch noch selber und quittierte die Ausübung ihres Jobs mit der Bemerkung, dass das Verhalten des Gasts "unglaublich" sei. Ja, in der Tat, unglaublich...

Aus reiner Menschenliebe und aufgrund ausgesprochen guter Laune, verzichtete ich darauf, mit dem Chef de Service zu sprechen. Vielmehr nahm ich den Anlass als Bestätigung des oben behandelten Gesetztes und für diese Polemik... Zudem mag ja sein, dass die gute Dame einen schlechten Tag gehabt hat. Und mit Sicherheit ist auch sie dem Fluch der guten Lage hilflos ausgesetzt.

Wie dem auch sei: Weil die Aussicht hundert und ein paar zerquetschte Meter über Zürich halt schon grausam gut ist und dem Vernehmen nach der Fluch der guten Lage sein Wirkung in der Küche des Clouds (noch) nicht entfaltet hat, ist das Restaurant auf Monate ausgebucht.

Der unangenehmen Erfahrung in der Bar zum Trotze - man ist ja nicht nachtragend - wollte ich für November einen Tisch reservieren, um dannzumal mit Freunden seinen Geburtstag zu feiern. Die Katze wollte ich aber nicht im Sack kaufen und so wagte ich einen Blick ins Restaurant.

"Was wollen Sie?", wurde ich ich nicht unfreundlich, aber bestimmt gefragt. "Mich umschauen. Ich möchte für eine grössere Gesellschaft einen Tisch zu reservieren". "Das geht während dem Service nicht, kommen sie bitte weg von hier" wurde mir nun sehr bestimmt mitgeteilt. Darauf beschloss ich, genug ist genug, das war's mit dem Clouds und mir.

Merke: Für das Geld, dass man im Clouds ausgibt, isst man andernorts mindestens so gut – und wird freundlicher behandelt. Wenn nicht Gegensteuer gegeben wird, ist das Clouds auf direktem Weg zur Touristenfalle – man geht nur hin, weil man's gesehen haben muss, nicht aber, weil man die gute Erfahrung wiederholen möchte.

Ein Teil des Corups Delicti

  • Andi Wullschleger 28.5.2012 15.57 Uhr

    Ich frage mich, wann der Strom abreissen wird und das Clouds umdenken muss. Eine Bekannte wollte einen Gutschein abholen, den sie zuvor bestellt hatte(!). Man gab ihr zu verstehen, man habe jetzt keine Zeit, sie solle morgen nochmals kommen. Ich war noch nie oben, verspühre aber auch kein Verlangen danach. Schade, denn es gibt einige Perlen, die es geschafft haben, dem Fluch zu entkommen.

  • Daniel Blickenstorfer 28.5.2012 22.39 Uhr

    Zwei Dinge: erst mal ein paar Komplimente für den Autor. Und dann noch ein paar Worte des Mitgefühls für die Cloud-Bediensteten. Doch der Reihe nach.
    David hat das Problem offenbar am eigenen Leib in intensiver Ausgestaltung durch erlebt. Die Behandlung der Gäste ist nicht immer derart schnoddrig und sie ist auch nicht eine Exklusivität des Clouds', in den letzten Jahren hat sich das Phänomen in Zürcher Lokalen allgemein verbreitet, als Folge einer - ich würde es mal - "Internationalisierung" nennen, um niemandem direkt auf die Füsse zu treten. Die Akzentuierung auf 136 M.ü. Zürcher Grund rührt tatsächlich vom "Fluch der guten Lage". Treffend erkannt, das selbe unappetitliche Phänomen zeigt sich an jedem attraktiven Seeufer genauso (mit der hochwohllöblichen Ausnahme des Ziegel au Lac, selbstverständlich!)
    Andererseits: das Couds ist auch arg in der Klemme. Da will man eine gepflgete Bar und ein Restaurant mit anständiger Gastronomie anbieten und wird von Touristen geflutet! Ich sag' mal, 3/4 der Gäste dort oben kommen wegen der Aussicht und nehmen dafür die überhöhten Preise in Kauf. Für ein paar Handy-Fötelis trampeln sie ohne jede Rücksicht im Laden rum, und echt, wenn ich da oben einen Tisch reserviert hätte für ein teures Essen, ich möchte nicht ständig die Schmuddel-Parkas und Rucksäcke von irgendwelchen Hochhaustouristen im Gesicht... (für euren Hausrat hätte es am Eingang unten eine Garderobe)
    Ja, Andi W. hat schon recht, man müsste möglicherweise mal das Konzept überdenken. Auf dem Eiffelturm oben landet der Tourist auch nicht in einer Michelin-Kneipe. Nur, und da wiederum hat David recht: solange das Clouds Gourmets und Foto-Touristen empfängt, müssten wenigstens die Angestellten extrem smart umgehen können mit diesem Gap.

  • . Haemmerli 29.5.2012 01.02 Uhr

    Das hat überhaupt nix damit zu tun, ob da Touris mit oder ohne Rucksäcke kommen. So ein Frollein sollte einfach nicht als Kellnerin arbeiten. Sondern ihrer Berufung als Schauspielerin, Model oder sonstwas folgen. Und was klar ist: Das Clouds ist schlecht geführt. Was ich in der letzten Zeit an Klagen gehört habe, deutet darauf hin, dass da vieles im Argen liegt. Aber wie David richtig bemerkt: Geniesst man die Gunst einer erstklassigen Lage spielt es keine Rolle, wenn man für viel Geld lausigen Service bietet. Mein Paradebeispiel zu dem Prinzip ist Paris, wo ich ein paar Jahre gelbet habe. Es gibt kaum eine andere Stadt, wo man so häufig dermassen schlecht essen kann. Weil Paris voll von Touristen ist. Und für jeden vergraulten Gast kommt prompt der nächste Depp, der voll Hoffnung ist, er werde für sein Geld anständig behandelt. Genau wie im Clouds.

  • Andi Wullschleger 29.5.2012 09.37 Uhr

    @Haemmerli: Es scheint, dass die von dir beschriebene Hoffnung des Gastes das Futter des Fluches der guten Lage ist. Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie ich zum Beispiel jedes Jahr im Mönchhof lande, obwohl ich immer wieder ettäuscht werde. Es muss wohl die Hoffnung auf ein Wunder sein, doch wunder geschehen in der Gastronomie nicht. Also: Geld sparen und dafür einmal mehr in der Lieblingsbeiz schlemmen.

  • Michael Lütscher 29.5.2012 13.43 Uhr

    Es ist klar: Je besser die Lage, desto grösser der Andrang der Kundschaft und die Bereitschaft der Gastgeber, die Gäste schlecht zu behandeln. Im Clouds war ich bisher zweimal, einmal im Restaurant, einmal im Bistro - und weiss absolut nichts Negatives zu berichten. Das Essen war erstklassig, der Service etwas steif, aber aufmerksam und freundlich. Ok, auf all die Gouvernanten, die einen den Weg vom Empfang zum Lift und vom Lift zum Lokal weisen, könnte man verzichten.

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