Dass Männer mehr Sex benötigen, ist ein Konstrukt

Samstagabend. Ich treffe mich mit Freunden und wir ziehen in der pulsierenden Gegend von Zürich: Der Kreis 4 und 5. Von der Longstreet Bar kurz zur Kuss Magazin Vorlesung an der Zwinglistrasse, danach geht’s weiter in die Bar Dantes. Auf dem Weg zum Club Gonzo stehen Prostituierte. Unsere Blicke kreuzen sich flüchtig. Unser Leben tangiert sich in keinster Weise. Hinterfragt man dies jedoch etwas mehr, sind die Begegnungen mehr verstrickt als man vielleicht zu denken mag.

Petra, Du hast die Filmschule in Berlin besucht und wohnst dort. Trotzdem hast Du deinen ersten Film in Zürich gedreht. Was hat dich dazu bewogen, Deinen ersten Film hier zu drehen?

Petra Volpe: Ich habe während meinem Studium im Langstrassenquartier gewohnt. Rundum habe ich diese unbeschwerte Studentenzeit gelebt und genossen. Aber ich habe auch die Frauen an der Langstrasse gesehen, die sich prostituierten. Diese Parallelwelt zwischen lustigem Studentenleben und Prostitution hat mich beschäftigt. Bevor ich mich dazu entschloss, einen Film über dieses Thema zu drehen, mussten jedoch noch einige Jahre verstreichen.

Du hast Dich während deinen Recherchen viel mit Prostituierten und Freiern unterhalten. Wie schwierig war es, sich in die „Szene“ einzuschmuggeln?

Petra Volpe: Ich habe ein Jahr lang intensiv recherchiert. Es war wichtig, dass ich viel an Informationen darüber gesammelt habe. Dabei haben mir diverse Leute geholfen. Ohne sie, wäre diese Tiefe des Films nie zustande gekommen. Die Polizei, der Flora Dora Bus, aber auch das Fraueninformationszentrum waren die ersten wichtigen Anlaufstellen. Lange wusste ich nicht genau was ich mit den erhaltenen Informationen machen sollte. Primär sammelte ich alles, ich hörte zu und beobachtete. Das Konzept stand noch nicht, und ich wollte erst nach der Recherche ein Konzept des Filmes schreiben. Je mehr ich in das Rotlichtmilieu eingetaucht bin, desto mehr Fragen hatte ich an die Welt ausserhalb, an die Personen die den Frauen begegnen und die in der sogenannten „bürgerlichen Welt“ leben. Die Leute die ich durch all diese Recherchen getroffen habe, haben mich zu dieser Thematik gebracht und motiviert. Nicht das Elend der Prostitution steht im Vordergrund sondern die einzelnen Personen die direkt und indirekt mit den Prostituierten in Kontakt treten.

Sind die Erzählungen wahre Begebenheiten oder rein fiktiv?

Petra Volpe: Die Personen und Geschichten sind frei erfunden. Ich musste viele Impressionen verarbeiten. Erst als sich das Gehörte und Gesehene langsam gesetzt hatte, konnte ich all das transformieren und in klare Gedanken und Ideen umsetzen. Die erste Drehbuchfassung war sehr schlecht. Vieles was ich erlebt habe, habe ich nicht verarbeitet gehabt und habe es ziemlich unfiltriert niedergeschrieben. Diese Welt, in die ich mich vertieft hatte, war eine düstere Welt und hatte auch sehr viel mit Wut und Ohnmacht zu tun. Ich wollte mich jedoch nicht von diesen Emotionen leiten lassen. Es brauchte seine Zeit, bis sich diese negativen Gefühle von Ohnmacht und Wut transformieren konnte, was mich vieles hinterfragen liess. Dieser lange Prozess führte mich zu dem Film hin, den er geworden ist.

Du hast die Rollen mit hochkarätigen Schauspielern aus der Schweiz aber auch aus dem Ausland besetzt. Ich denke an die spanische Schauspielerin Marisa Parede, die Muse von Almodovar, die eine einsame Witwe spielt, aber auch an das Nachwuchstalent Luna Zimić Mijović, die die Rolle von Mia, der 18-jährigen Strassenstrich Prostituierte ausübt. ie konntest Du diese Schauspieler dazu bringen, in Deinem Film mitzuwirken?

Petra Volpe: Ich habe mit vielen Bekannten über diesen Film geredet. Etwa mit der Schweizer Regisseurin Bettina Oberli, die Regisseurin von dem Film Lovely Louise. Für die Rolle von Mia hat sie mir Luna empfohlen. Bei den anderen Schauspielern habe ich das Drehbuch zugeschickt. Die Zusagen der Schauspieler sprachen für das Drehbuch. Überzeugt dies nämlich nicht, bleiben auch die guten und richtigen Schauspieler aus.

Einige Schauspielerinnen können kein Deutsch. Luna ist in Sarajewo aufgewachsen, Marisa ist Spanierin. Wie war die Zusammenarbeit?

Petra Volpe: Marisa hatte einen Deutsch-Coach. Obwohl sie eine hervorragende Schauspielerin ist, war sie zu Beginn der Dreharbeiten sehr nervös. Es hat sie wahnsinnig geärgert, dass sie gewisse Szenen auf Deutsch nicht gleich so hingebracht hat wie erwartet. Als die erste Szene jedoch gedreht war, in der kaum gesprochen wurde, ist sie förmlich aufgeblüht. Wir alle – allen voran Marisa waren sehr erleichtert. Das Eis war gebrochen. Auch Luna musste viel an Text auf Deutsch und Bulgarisch sprechen. Luna hat schnell gelernt und sich als Sprachtalent herausgestellt. Auch bei ihr abeiteten wir mit einem Sprachcoach.

Hast Du das Gefühl, dass du die Problematik jetzt besser verstehst?

Petra Volpe: Ich glaube nicht, dass ich was „Endgültiges“ verstanden habe. Aber ich habe schon viele Eindrücke eingefangen, die mir bei gewissen Themen geholfen haben eine Haltung einzunehmen.

Der Film rüttelt einen doch ziemlich auf. Ist das Ziel des Filmes einem emotional zu erschlagen?

Petra Volpe: Der Film ist kein politisches Statement, und doch ist er es. Ich wollte diese Parallelwelt aufzeigen. Der Kontrast zwischen Bahnhofsrasse und Shilquai, Partywelt und Prostitution sind sehr nah beieinander. Der Markt ist ein Teil unserer Gesellschaft. War er schon immer, und wird es auch immer bleiben. Ich war sehr oft am Sihlquai. Traumland ist vor der Diskussion um Sex-Boxen entstanden. Die Verlagerung des Shilquai-Strichs nach Altstetten mit den Sex-Boxen war für eine lange Zeit stark in den Medien. Diese stereotype Bilder, die die Prostituierten in Nahaufnahmen knapp bekleidet auf Freiersuche zeigten hat man zur Genüge gesehen hat. Voyeuristische Bilder wollten wir bei Traumland bewusst meiden. Man weiss über die Missstände, Ausbeutung und Ungerechtigkeit der Frauen Bescheid, empfindet es als Misere und trotzdem toleriert man es. Die Empörung findet nicht statt. Dieser Zustand hat mich sehr beschäftig. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie man die Leute aufrütteln soll. Und wie mehr Empathie aufkommen könnte? Ich finde das steht in unserer Verantwortung.

Du hast im Film die Schwelle zum Mitleid nicht überschritten. Und der Film ist nicht zu stark politisch ausgerichtet. Dies hat auch viel mit der Bildsprache zu tun. Du hast die Schwierigkeit mit der Bildwahl bereits angesprochen. Wo lag die Schwierigkeit die Geschichte mit den richtigen Bildern zu wiederspiegeln?

Petra Volpe: Ich hatte ein tolles Drehteam. Die Zusammenarbeit der Set Designerin und der Kamerafrau haben den Film zu dem geformt, was er ist. Unser Anliegen war es in erster Linie, die einzelne Figuren nicht als klassisch böse und gute wieder zu geben. Die Personen versagen auf irgendeiner Weise alle auf eine subtile und auch verständliche Weise. Eine gewisse Ambivalenz kommt hier zum Vorschein. Wir wollten, dass der Respekt gegenüber jeder einzelnen Person nicht verloren geht. Wie inszeniert man eine Vergewaltigungszene ohne Mia als Objekt zu zeigen, ohne dabei voyeuristische Bilder zu übermitteln? Solche Fragen führten uns zu der bestimmten Bildsprache im Film.

Sind die Zuhälter also keine „bösen“ Menschen?

Petra Volpe: Natürlich sind sie es. Aber auch hier hätte ich viel differenzierter erzählen können. Während meinen Recherchen habe ich Dinge gehört und gesehen, die auch den Zuhälter als Verlierer dargestellt haben. Diese Sichtweise darf man auch nicht auslassen. Wir hätten es dem Publikum mit einer schwarz-weissen Aufführung zu einfach gemacht.

Keine der Frauen im Film konnte es den Männern recht machen, auch nicht die Spanierin Marisa, die sich mit Ihren Strümpfen für Ihren Bekannten hübsch machen wollte. Der Mann besc himpfte Sie als billige Hure. Die Frau blieb fassungslos zurück. Sind die Frauen die Leidtragenden in diesem Film?

Petra Volpe: Das ist wohl ihre persönliche Interpretation. Doppelmoral ist hier das Stichwort. Eine bürgerliche, schon fast heilige Frau, trägt keine Strümpfe. Trotzdem gehen die Männer an den Sihlquai und suchen sich Frauen mit aufreizenden Kleidern aus. Diese zwei verschiedenen Massstäbe sind aufgezeigt. Auch kommt die Frage auf, wie man als Frau in diesem Bereich navigiert. Was gilt als aufreizend, aber nicht billig? Schlussendlich ist es alles eine Interpretationsfrage.

Wie stehst Du heute zum Kreis 4 und 5? Party und Prostitution stehen gleich Tür an Tür. Da hat sich in den letzten Jahren an der Langstrasse nicht viel geändert.

Petra Volpe: Zur Prostitution gibt es viele ethische Fragen die eigentlich interessant wären. Es treten Fragen auf über unsere Beziehungsformen wie Monogamie, Begehren und Sexualität. Diese Themen sind hoch interessant und auch herausfordernd. An Prostitution sind viele Glaubenssätze geknüpft. Es muss Prostitution geben, weil Männer mehr Sex benötigen wie Frauen. Diese Behauptung stelle ich in Frage. Ich glaube, wir reden hier von einem sexuellen Konstrukt. Es gibt sehr viele Fragen zur Sexualität und Beziehungen und die Art und Weise wie wir miteinander leben. Diese Themen möchte ich mit diesem Film aufgreifen.

Du bist an diversen Filmfestivals eingeladen worden. Auch in Südkorea. Dort wurdest Du gefragt, wie Du zur treuen Zweierbeziehung stehst.

Petra Volpe: Eine interessante Frage. Der Film spricht wohl für sich. Ich finde es interessant, wenn man mit dieser Frage als Zuschauer nach Hause geht.

Info:

Regie: Petra Volpe

Darsteller: Marisa Paredes, Luna Mijovic, Devid Striesow

Jahr: 2013

Dauer: 99 Minuten

Wo: Riff Raff, Neugasse 57/63, 8005 Zürich

Genre: Drama Filmgattung: Spielfilm

  • Ingrid Notter 11.3.2014 13.29 Uhr

    Der Film ist super und...
    ... jedoch auch recht schmerzvoll. Ich habe ihn während dem ZFF gesehen. Bilder und Schnitte sind super. Die verschiedenen Geschichten fliessen für sich und doch auch ineinander. Gratulation.

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