Blockflöte des Todes

Musiker legen sich gerne einen Künstlernamen zu. Manchmal sind die Pseudonyme ziemlich bescheuert. Und dann gibt es da noch die Blockflöte des Todes. Doch das paradoxerweise gitarrenspielende Holzinstrument hat viel mehr auf dem Kasten als sich dämliche Namen zu geben.

Eine wichtige journalistische Disziplin sind Titel. Es ist nicht einfach, eine kernige Aussage und einen Aufhänger zu finden, der die Leserschaft neugierig macht. Wer über einen Musiker schreibt, der sich Blockflöte des Todes nennt, hat es unglaublich schwer. Wie um Himmels Willen kann man so etwas toppen? Sämtliche Wortkreationen wirken lächerlich, wenn sie mit so einem schrägen Namen konfrontiert werden. Also gibt man schlicht Forfait und überlässt den Ruhm anderen. Blockflöte des Todes also. Doch was oder wer zum Henker ist eigentlich diese Blockflöte des Todes?

Hinter dem skurrilen Künstlernamen steckt ein Mann namens Matthias Schrei. Er kommt ursprünglich aus Sachsen, hat einen längeren Stopp in Berlin hinter sich und ist mittlerweile wieder aufs Land geflüchtet. Im Jahre 2010 nahm er bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest teil. Ein deutscher Songwriter mit akustischer Gitarre, dazu noch Berlin. Das wäre für mich eine klare No-Go-Mischung. Musik mag Geschmacksache sein, aber seien wir doch ehrlich, die Singer-Songwriter-Welle geht uns mittlerweile allen auf den Keks. Und von Berlin kommt gefühlt sowieso jeder zweite Künstler. Wär da nicht der fantastische Name gewesen, hätte ich meinen Donnerstagabend gemütlich zuhause verbracht. Die Neugier hat überwogen und ich bereue absolut nichts.

Kein Singer-Songwriter-Einheitsbrei

Dennoch schlendere ich mit etwas Skepsis zum Bogen F am unteren Ende des Viadukts. Eine lockere, familiäre Szenerie bietet sich draussen wie drinnen. Auf dem Vorhof knistert ein Lagerfeuer, die frühlingshaften Temperaturen lassen es zu, dass sich die Besucher unter freiem Himmel an die Tische setzen. Drinnen dann mehr Wohnzimmer als Konzert - Sofas, Hocker, Stühle und Tische laden zum gemütlichen Miteinander ein. Auf der Bühne ein paar Kerzen, ein Mikro und ein Stuhl. Vor gut gefülltem Haus betritt die Blockflöte endlich die Bühne. Mit Gitarre wohlgemerkt, denn Flöte spielen kann Schrei nicht wirklich.

Schon die erste Minute lässt mich meine Vorurteile vergessen. Da steht sie nun, die Blockflöte des Todes, und stellt sich gleich mal als das «Vorprogramm» vor und weist darauf hin, dass wir alle hier seien, um ordentlich zu trinken. Für Rauchpausen sei gesorgt, er werde sicherlich an und wann von der Bühne verschwinden.

Sein Programm gestaltet sich äusserst interaktiv. Das Publikum wählt die Songs und Schrei verspricht, während er seine Gitarre stimmen muss, sämtliche Fragen zu beantworten, da er alles wisse. So gehen denn die ersten 45 Minuten rum wie im Flug. Die Stimmung ist grandios. Die Anwesenden, nicht wenige davon haben noch nie vorher etwas von der Blockflöte des Todes gehört, feiern Schreis Musik ab. Von Begeisterugn zeugen die permanent grinsenden Gesichter. Schreis Art, mit dem Publikum zu kommunizieren und Songs der schrägsten Art zu spielen, ist schlicht und einfach lustig.

So singt er über Musikersuizide, Mädchenhaarallergie und Monogamie, die nicht unbedingt sein Ding ist. Es geht um Tierschlachthöfe und Fairtrade-Kokain. Hyperrealistische Lieder nennt er sein Schaffen und irgendwie hat er damit recht. Trotz der ganzen witzigen und zynischen Texte schimmert doch immer wieder ein Fünkchen bitterernste Wahrheit durch. So lässt seine emotionsgeladene, balladenartige Version von Britney Spears «Hit me Baby one more time» die Zuhörer in tiefe Gedanken versinken.

Der liebenswürdige Grobian

Ein Blatt vor den Mund nimmt die Blockflöte überhaupt nicht. Alles und jeder kriegt sein Fett weg, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlankheitswahn? Ja klar doch! Schön unkorrekt verpackt er die Botschaft, dass seine übergewichtige Freundin schlicht zu dick sei in ein harmonisches Liedchen. Blöd nur hat er den Song gutwillig an sie direkt adressiert. Die Botschaft kam nicht an, daher sei sie nun seine Ex. Aber auch mit den Anwesenden geht Schrei nicht zimperlich um. Mehrmals betont er, dass er «den Scheiss hier» eigentlich nicht nötig habe. Er baue sich sowieso gerade ein Geschäft für Firmenslogans auf. Für einen Kräuterlikör habe er «saufen, kotzen, saufen, weiterknutschen» erfunden, sei damit aber nicht erfolgreich gewesen. Er ist ein liebenswerter Rüpel, der Besucher auch gerne mal mit Arschloch beschimpft, dafür von jener Person einen Whiskey spendiert kriegt und ihn mit «Danke, Wichser», annimmt. Niemand ist ihm böse, alle grinsen.

Jeder Song wird von einer Geschichte eingeführt. Ich kann nicht sagen, ob die Blockflöte tatsächlich so wortgewandt und schlagfertig ist oder ob wir schlicht Einstudiertes vorgesetzt kriegen. Das ist aber auch egal, denn die Storys sind so schräg und amüsant, dass man einfach nur gespannt auf seinem Sessel sitzt und zuhört. Eine Pointe jagt die andere, manchmal richtig ausgeklügelt, manchmal unterirdisch flach. Eine herrliche Mischung aus intelligentem Witz und prolligem Gelaber.

Nach einigen Pausen, die Blockflöte muss ja schliesslich auch an und wann etwas trinken oder rauchen, neigt sich die Vorstellung dem Ende zu. Ich habe viel von dem Abend mitgenommen. Zum Einen vielleicht, dass meine Vorurteile gegenüber Singer-Songwriter nicht begründet sind, zum Anderen, dass «Pazifisten Salafisten fisten», gelernt aus einem Friedenspopsong. Witzig, äusserst schlagfertig, musikalisch talentiert, nah beim Leben und noch näher beim Publikum, das ist die Blockflöte des Todes. Den Ursprung des bescheuerten und gleichzeitig genialen Künstlernamen hat Schrei übrigens ausgiebig erklärt, jedoch habe ich in dem Moment bewusst weggehört, weil es doch eigentlich die gesamte Romantik zerstört. Wer es dennoch rausfinden möchte, sollte den Herren auf dem Radar behalten und eine Live-Show von ihm besuchen und mit ihm untergehen - mit wehender Flagge natürlich.

Karte wird geladen ...

Logo Westnetz