BABY JAIL

Seit Mai diesen Jahres touren Boni Koller und Bice Aeberli zusammen mit den Neuzugängen Aad Hollander und Nico Feer durch die Schweiz. Voller Energie, lärmig, laut und schwitzend rockten sie gestern Abend auch die Bühne des Helsinki. Wir trafen die gut gelaunte Band vor ihrem ausverkauften Konzert zu einem Gespräch über ihre Rückkehr, die Entwicklung von Zürich West und die Zukunft von Baby Jail.

Baby Jail ist seit Mai 2012 auf Reunion-Tour. Erzählt, wie war es bis jetzt? Bereut Ihr die Reunion-Tour bereits wieder?

Boni Koller: Hier und jetzt, im Herbst 2012, ist es das Beste, was wir je hätten machen können. Die Leute kommen und haben den Plausch. Die Leute finden es toll, dass es wieder Konzerte von uns gibt.

Bice Aeberli: Es ist von dem her gar nichts zu bereuen. Man ist danach manchmal müde, aber das gehört dazu. Es ist super lässig. Die beste Entscheidung von diesem Jahr.

Was ist Euer Eindruck, wie kommt Ihr beim Publikum an? Kennt man Euch noch? Gibt es auch junge Zuschauer?

BK: Es hat viele junge Leute. Also jung, eigentlich mittelalt.

BA: Ja, so ab fünfundzwanzig. Leute, die unsere Platten vermutlich aus den besetzten Häusern kennen. Es hatte bislang einen im Publikum, der älter war als wir, im Kofmehl war das, der hat uns vorher nicht gekannt und fand uns super, das fand ich wiederum super.

BK: Als wir 1986 begannen war das Publikum gleich alt wie wir. Heute kommen die erwachsen gewordenen Kinder und schauen sich an, was ihre Eltern damals so gehört haben. Aber grund-sätzlich ist es recht durchmischt. Das Durchschnittsalter ist etwa 30-40 Jahre. Die jungen Leute kennen uns einfach von den Tonträgern.

Jetzt gönds ab!

Was war denn der Grund für die Reunion-Tour und wer war die treibende Kraft dahinter?

BK: Von aussen erhielten wir immer E-Mails mit Anfragen, wann es endlich wieder ein Konzert gäbe. Es kamen auch immer wieder konkrete Anfragen von Veranstaltern und Clubs. Das haben wir aber alles immer abgelehnt. Ich habe mir dann mal Gedanken darüber gemacht, ob wir das wirklich nie mehr machen wollen und so kam die Idee zur Reunion-Tour.

BA: Ja und irgendwann musst du wirklich überlegen jetzt oder nie. Und jetzt war wirklich der richtige Zeitpunkt, wir hatten wieder Lust zu spielen. Wir waren nicht total gut vorbereitet, denn wir haben vor der Tour nicht zuerst ein neues Album auf den Markt gebracht.

BK: Ein neues Album wäre auch sehr aufwendig gewesen. Wir wussten im vornherein ja nicht, dass es so lässig sein würde, wie es jetzt ist. Es hätte auch sein können, dass sich die Sache nach vier, fünf Konzerten für uns erledigt hätte. Wenn wir beispielsweise bemerkt hätten, dass wir es gar nicht mehr mögen die alten Songs zu spielen. Es ist aber das Gegenteil der Fall, man mag die Stücke, die man früher gespielt hat wieder richtig gerne. Wir haben auch neue Songs gemacht. Es wird nächstes Jahr auch tatsächlich einen neuen Tonträger geben, sofern es sich heutzutage überhaupt noch lohnt, einen Tonträger rauszubringen. Wann genau und in welcher Form ist jetzt aber noch nicht klar.

Sind die alten Platten und Cd's tatsächlich alle vergriffen?

BK: Ja, die alten Platten /Cd's sind alle vergriffen. Es gibt zurzeit nur die Best-of-Cd, die ist aber auch bereits etwa 9 Jahre alte.

In die vorderen Reihen gelangt nur noch wer frech schubst oder schöne Augen macht. Das ausverkaufte Helsinki.

Boni, du beschreibst im neu aufgenommenen Song „Zemäntfabrik“ bereits das Leben im Altersheim. Ist die Reunion-Tour für Euch der letzte Ausbruch, das letzte mal jugendlich und punk sein oder seid Ihr noch lange nicht reif fürs Altersheim?

BK: Also ich glaube, für das Altersheim sind wir alle noch recht lange jugendlich.

BA: Aber es ist ja trotzdem unter Umständen unsere Zukunft, das weiss man nicht.

BK: Es gibt so viele Heime und Abschiebeeinrichtungen für alte Leute, schönere und weniger schöne. Wir können durchaus davon ausgehen, dass wir früher oder später in einem solchen landen.

BA: Es gibt ja unterdessen auch schon extra Einrichtungen für Junks/Ex-Junks, die viel schneller altern oder einfach früher ins Altersheim müssen.

BK: Es gibt auch Alterswohnheime nur für Italiener, damit die nicht immer Schweizer Gerichte essen müssen, das scheisst die nämlich an. Ich glaube, es wird darauf hinauslaufen, im positiven Sinn, dass man auch im Alter versucht mit denen zusammen zu sein, mit denen man auch früher zusammen war. In Zukunft wird nicht einfach der Volksquerschnitt zusammen in ein Altersheim eingesperrt.

BA: Vielleicht sterben wir ja vorher (lacht).

Nico Feer: Der Song „Zemäntfabrik“ ist sicher ein Perspektivenwechsel zu allem vorher. Damals waren die Songs ja aus der Sicht der Jugendlichen.

BK: Ja, ich habe gefunden, warum nicht einmal ein solches Lied. Wir haben ja schon das Jail im Namen. Früher waren wir im Laufgitter und haben unseren Namen auch mal mit Kinderzoo übersetzt. Aber eigentlich kann man unseren Namen auch einmal als Altersheim verstehen. Die logische Entwicklung von Baby Jail ist am Schluss das Altersheim. Aber wir sind noch nicht reif fürs Altersheim.

NF: nur manchmal nach den Konzerten fühlen wir uns tatsächlich reif fürs Altersheim.

Definitiv noch lange nicht reif für's Altersheim!

Ihr habt neben „Zemäntfabrik“ zwei weitere neue Songs aufgenommen. Wann sind diese entstanden und wann habt Ihr mit den Proben begonnen? Ist ein neues Album in Planung oder ist die Reunion-Tour ein erstes Antesten des Publikums?

BK: Ich habe einfach das Gerüst für die Songs gemacht, das heisst Text und die Musikidee für die drei Songs. Über Ostern haben wir das dann gemeinsam aufgenommen. Und vorher haben wir uns konzertreif gemacht mit mehr oder weniger einmal proben pro Woche und dies seit Januar 2012. Im Mai waren wir dann soweit und trauten uns vors Publikum.

BA: Der Aad hat noch Zugang zu einem Proberaum, der von mehreren Musikern genutzt wird, es ist eng, aber es passt, so ein richtig siffiger Proberaum, das muss fast sein.

BK: Ein paar alte Songs haben wir wie neu instrumentalisiert. Songs, die wir früher nur mit der Blockflöte gespielt haben, haben wir heute richtig Heavy-Rock-mässig instrumentalisiert. Es gibt Songs, bei denen finden wir, dass die Instrumente von damals total zum Song passen. Bei anderen wiederum denkt man „oh je, das hält man nicht aus“, deshalb haben wir bei diesen mit den Instrumenten variiert.

Ihr habt bereits anlässlich des Zürcher Stadtsommers im August vor dem Helsinki gespielt. Jetzt habt Ihr wieder zwei Konzerte hier. Verbindet Euch etwas Spezielles mit dem Helsinki Club?

BK: Wir haben alle schon sehr oft hier gespielt.

BA: Ja, und wir kennen Tom (Anm. Tom Rist ist der Besitzer des Club Helsinki) schon lange bevor er das Helsinki eröffnet hat. Vorher hatte er das Theater an der Winkelwiese. Später gab es das Helsinki an der Breitensteinstrasse, wo jetzt das Restaurant Grünthal ist. Erst dann kam es an den heutigen Standort. Als Tom damals den Club Helsinki eröffnet hat, haben wir alle hier gespielt. Für uns ist das Quasi der Heimclub und ein wichtiger Club für Zürich.

Was verbindet Euch mit dem Stadtteil Zürich West?

BK: Ja, ich wohne natürlich hier.

BA: Ich wohne im Kreis 4, auf der anderen Seite der Brücke. Für mich verbindet mich vor allem das Helsinki mit Zürich West. Langstrasse und Kreis 5, klar, dort lebt man.

BK: Ich fahre auch oft mit dem Velo durch den Kreis 5.

Kennt Ihr die Viaduktbögen?

BK: Ja, ich mag die Markthalle, es ist zwar teuer, aber wenn man keine Lust hat in die Migros zu gehen, findet man dort auch alles.

BA: Die Markthalle ist mir jetzt etwas zu chic. Ich finde die ganzen Bögen etwas zu chic. Ich habe mir das anders vorgestellt, dass es mehr Spezielles geben würde, dass es Nischenprodukte in den Nischen gibt und nicht die sowieso schon bekannten grossen Läden.

BK: Die Miete für die Ladenlokale sind vermutlich sehr teuer, das musst du dann mit den Preisen für die Produkte kompensieren.

BA: Ich finde es ok, es sieht schön aus, aber es interessiert mich nicht.

NF: Der Bogen13 war noch toll.

BK: Ja, die Zwischennutzung war natürlich total lässig. Bevor die Läden reinkamen.

Die Songs gefallen, das Publikum ist begeistert und die Musiker sorgen für Stimmung. Ich bin schon ein halber Baby-Jail-Fan.

Zürich West ist in einem stetigen Umbruch vom Industrieareal zum Trendquartier. Luxuswohnungen verdrängen ehemalige Arbeiterwohnungen und brachliegendes Industriegelände. Bekommt Ihr das mit und was haltet Ihr davon?

BK: Ich finde das total beschissen.

BA: Ja, total beschissen.

BK: Schlimm, wenn die das als Kapitalanlage kaufen. Aber es funktioniert wahrscheinlich, es lohnt sich. Diese Leute haben nichts mit dem Kreis noch mit der Stadt Zürich zu tun, sie kennen es gar nicht.

BA: Es gibt aber auch Leute, die finden „hey ich bin en geile Siech, ich wohn im In-Quartier“ und nachher regen sie sich über den Lärm auf, oder weil es hier so abgeht, sodass sie nachts nicht schlafen können.

BK: Es ist allgemein so, die Leute wollen selber grenzenlos feiern, aber wenn sie ihre Nachtruhe möchten, sollen die anderen gefälligst auch ruhig sein.

Es gibt Gerüchte und auch konkrete Pläne der Stadt Zürich das Kongresshaus auf dem Gerold-Areal zu errichten. Wo würdet Ihr das Kongresshaus hinstellen?

BK: Von mir aus gerne ausserhalb der Stadt. Auch noch eine gute Idee fand ich den jetzigen Standort. Dort ist es sowieso touristisch und zweckmässig. Die Anbindung an den Flughafen wäre etwas schlecht gewesen. Eigentlich könnte man es gleich beim Flughafen aufstellen.

Wo in Zürich West geht Ihr gerne essen?

BA: Das La Contrada gefällt mir. Oder das Rosso, dort waren wir gestern essen. Und natürlich das Grüental gleich beim Fluss.

Wie sieht es mit Lieblings-Clubs/Bars in Zürich West aus?

BK: Helsinki und manchmal gehe ich für ein Konzert ins Exil.

BA: Helsinki

NF: Helsinki

Wo kauft Ihr ein?

BK: Oft in den kleinen Ausländerläden. Das gefällt mir in diesem Quartier besonders, dass es ganz viele Spezialitätenläden gibt. Man kann hier um jede Uhrzeit in einem der zahlreichen Kioske noch Milch kaufen.

Hier ein kleiner Konzertausschnitt vom Konzert im Helsinki, 5. Oktober 2012, auf den Link klicken:

http://www.youtube.com/watch?v=vnbzKcsQXx4&feature=youtu.be

Persönlicher Rückblick:

Nach dem Interview mit Baby Jail war ich sehr gespannt auf das Live Konzert später am Abend im Helsinki. Zugegeben ich bin nicht Mundart-affin, Bands wie Plüsch, Patent Ochsner oder Stiller Has sind mir zwar nicht gänzlich unbekannt, sucht man in meiner iTunes-Bibliothek allerdings lange. Baby Jail hingegen geht ein Ruf voraus. Sie sind die wilden, die punkigen, sie haben in jedem besetzten Haus gespielt und scheinen den Untergrund, zumindest von Zürich, zu kennen und Teil davon zu sein.

Wie ich im Zuge der Vorbereitungen gelesen habe, betont die Band auch keine Pop- oder reine Mundartband zu sein. Im Gegenteil sie betonen, dass hochdeutsche und englische Texte eine ebenso wichtige Rolle spielen. Vielleicht trägt der Hit "Tubel Trophy" zu ihrem Mundart-Klischee bei. Hätte man mir nicht erzählt, dass Baby Jail anders ist, sogar mir gefallen würde, ich wäre wohl nicht hingegangen.

Zunächst verfolgte ich das Geschehen kritisch aus den hinteren Reihen. Nach ein paar Bier traute ich mich dann nach vorne zu den eingesottenen Fans, zu meiner Überraschung waren diese nicht viel älter wie ich. Die Stimmung packte mich umgehend, bald ertappte ich mich mit den Füssen wippend, das Bier schwenkend und den Text grölend wieder und dachte "was hat Baby Jail gerade mit mir angestellt?".

Als Aad Hollander im Schlussteil auch noch das Schlagzeug gegen alles was ihm im Weg stand eintauschte und sich fast ekstasisch herumtrommelnd durch das Publikum vorkämpfte, war es um mich geschehen. Die grüne Verdeckung der Notausgangbeleuchtung fiel dem Trommler Aad zum Opfer und neben mir auf den Boden, was das Publikum noch mehr anheizte. Nichts konnte unsere Stimmung mehr stoppen. Dann rief uns Boni Koller noch zu, dass ihr Hit damals, 1992, auf Platz 7 der Schweizer Hitparade war und präsentierte uns die sechs besser platzierten Hits. Wir alle erinnerten uns, schrien "yeh", wenn wir einen Song von Dr. Alban oder Snap! wiedererkannten und sangen sofort mit. Ein herrlicher Abschluss und ein total gelungener Abend. Baby Jail Ihr seid zurück und ich komme wieder!

http://www.youtube.com/watch?v=vnbzKcsQXx4&feature=youtu.be

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