Aussersihler Viadukt

Einst Bahndamm, dann zweigleisiges Eisenbahnviadukt. Heute die längste Einkaufs- und Gewerbemeile von Zürich-West, Fussgänger- und Veloweg sowie noch immer aktive Bahnstrecke. Das Aussersihler Viadukt hat eine starke Wandlung hinter sich.

Geschichte

Bevor das Aussersihler Viadukt am 18. August 1894 eröffnet wurde, durchzogen noch Bahndämme die Gemeinde Aussersihl im Westen der Stadt Zürich. Als undurchdringliche Wälle riegelten diese das Gebiet von der übrigen Stadt ab und standen einer Ausdehnung des Quartiers im Weg. Der 600 Meter lange Erddamm an der Stelle der heutigen Röntgenstrasse musste weg.

Ballonaufnahme des Industriequartiers von 1898.

Der Bau des knapp 1000 Meter langen Eisenbahnviadukts dauerte dreieinhalb Jahre. Strassendurchlässe, die von Fachwerkbrücken überspannt waren, ermöglichten nun den Zugang zum aufstrebenden Industriequartier. Die zahlreichen Hauptöffnungen (Bogen) dienten fortan dem Gewerbe als Werkstätten. Zuerst noch im Freien, dann in schuppenartigen Einbauten, die an der Stelle der heutigen Markthalle standen. Der Bau des Viadukts und die Eingemeindung von 1893 begünstigt die Ansiedlung der Industrie, so dass zwanzig Jahre später der grösste Teil des Aussersihlers Viadukts im Industriequartier lag.

Über das Aussersihler Viadukt führten zwei Gleise. Das Wipkinger Viadukt verband den Schienenverkehr mit dem Bahnhof Wipkingen und dient heute noch als künstliche Verlängerung der Strecke Zürich HB-Oerlikon-Winterthur. Die Bahnstrecke auf dem zweiten und niedrigeren Letten Viadukt erschloss den heute stillgelegten Bahnhof Letten.

Baus des Aussersihler Viadukts.

Zwischen 1940 und 1960 musste das Aussersihler Viadukt umfassend saniert werden. Am 22. Dezember 1940 warfen britische Flieger Bomben über dem Industriequartier ab. Dabei wurde eine Fahrleitung auf dem Eisenbahnviadukt beschädigt. Während den Reparaturarbeiten in der selben Nacht, detonierte eine zweite Bombe mit Zeitzünder. Die Explosion zerstörte einen Teil des Viadukts und verletzte mehrere Personen. Noch heute zeugen die deutlich helleren Natursteine, die bei den Ausbesserungsarbeiten eingesetzt wurden, von den Schäden.

Schäden nach Einschlag der Bombe.
...
Zeitungsartikel anlässlich des Bombenabwurfs.

Nach der Stilllegung des Bahnhofs Letten im Jahr 1989 wurde die über das Lettenviadukt führende Bahnstrecke nicht mehr gebraucht. Daraufhin plante die SBB die Kapazität der Linie Zürich HB-Oerlikon-Winterhur zu erhöhen. Unter dem Projektnamen «Fil Rouge» sollte das Viadukt um ein bis zwei Gleise ostwärts erweitert werden. Das vierspurige Trassee über den beiden Viadukten wäre um zwei bis drei Meter höher zu liegen gekommen. Der anschliessende Wipkingertunnel würde zweigleisig bleiben.

Diese Variante führte aber zum Widerstand der Anwohner, da die Züge drei Meter vor den Fenstern vorbeigefahren oder Häuser wegen der höher liegend Plattform unter dem Viadukt zugedeckt worden wären. Ebenso wäre der bereits geplante Fussgängerweg auf dem Lettenviadukt durch die Säulen der Plattform gefährdet gewesen. Eine Tunnelvariante zwischen dem Hauptbahnhof und Oerlikon stand wegen der enormen Kosten nicht zur Diskussion.

Zum Widerstand der Bevölkerung schlossen sich Sektionen aus den Kreisparteien an und bildeten so das überparteiliche Komitee „Verrückt das Viadükt“. Im Mai 1998, auf dem Höhepunkt des Widerstands, gingen 220 Einsprachen gegen das Projekt „Fil Rouge“ ein. 1999 brachte der Verein zusammen mit dem VCS die kantonale Volksinitiative für einen neuen unterirdischen Durchgangsbahnhof zur Abstimmung. Die Bevölkerung nahm die Initiative an; das Endergebnis des Widerstands werden 2013 der Durchgangsbahnhof Löwenstrasse und der Weinbergtunnel sein.

Initiative "Pro Durchgangsbahnhof"

Die SBB startete daraufhin einen Architekturwettbewerb für die Weiternutzung des Viadukts und die Gestaltung des Lettenviaduktwegs und suchte nach privaten Investoren, weil die bauliche Umsetzung nicht zu ihren Kerngeschäften gehörte.

Ende März 2003 musste das Gewerbe, das sich seit dem Bau des Aussersihler Viadukts in den Bögen einquartiert hatte, die Räumlichkeiten verlassen. Die Einbauten der Lagerhallen, Ladengeschäfte und Gastronomiebetriebe konnten nach über 100-jährigem Betrieb für die Sanierung nicht bestehen bleiben.

Im Sommer 2004 kürten die SBB und die Stadt Zürich das Projekt der Arbeitsgemeinschaft EM2N Architekten AG und Zulauf Seippel Schweingruber Landschaftsarchitekten zum Sieger. Im Herbst 2004 übernahm schliesslich die Stiftung PWG als Bauherrin das Projekt IM VIADUKT. Die Idee einer quartierverträglichen und regional verwurzelten Nutzung hatte die SBB überzeugt.

Die Konzeption und Planung begann 2005. Die PWG schuf unter dem Label IM VIADUKT ein neues Konzept, um die 53 Bögen anschliessend wieder als Ladengeschäfte, Ateliers sowie für Gastronomiebetriebe und soziale Einrichtungen nutzbar zu machen. Die komplexen Bauarbeiten am über 100-jährigen Bauwerk begannen im Jahr 2008 und dauerten knapp zwei Jahre. Am 1. April 2010 eröffneten die ersten Läden.

Umbauarbeiten
Markthalle im Aufbau.
Innenausbau der Markthalle.
Umbau

Der Fuss- und Veloweg auf dem Lettenviadukt, der seit 1998 teilweise genutzt wurde, erneuerte man während des Umbaus. Im Herbst 2009 stand dieser der Öffentlichkeit wieder zu Verfügung. Der Weg führt von der Josefswiese über die Lettenbrücke zum Bahnhof Letten und via Badeanstalt Oberer Letten an der Limmatentlang bis zum Jugendkulturhaus Dynamo.

Vorher- und Nachher

Vorher
Nachher
Vorher
Nachher
Vorher
Nachher
Vorher
Nachher

Alle im Artikel verwendeten Bilder stammen von der Stiftung PWG.

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Interview mit Daniel Bollhalder von der PWG

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