Asphaltblüten 5. Akt

Miss Sophie sitzt auf einer Bank vor dem Schiffbau und blickt Richtung neue 4er-Tramhaltestelle. Es ist Sonntag, 11 Uhr, die Sonne scheint, der Wind aber beginnt langsam kälter zu werden. Miss Sophie kommt gerade von einer Party mit hoffnungsvollen Nachwuchsschauspielern und gestandenen Cervelatpromis und tippt eine Nachricht in ihr Handy:

- kaffee! dringend. jetzt. -

Eine Zigarette und ein paar alte Damen mit seltsam violetten Frisuren später, kommt die Antwort der Gräfin:

- Warst die ganze Nacht unterwegs? Ich brauche noch ein paar Minuten, meine Gesichtsmaske wirkt noch ein. Willst nicht zuerst nach Hause, was Frisches anziehen? Oder hast woanders geduscht? -

Miss Sophie grinst und schüttelt den Kopf. Na, klar, die Gräfin würde nie nach Zigaretten stinkend sonntags Kaffee trinken gehen. Miss Sophie antwortet:

- brauche wirklich dringend kaffee. du glaubst nicht, was mir heute nacht passiert ist! ich sage nur: reineke. -

„Reineke“ ist der Spitzname, den Madame M., die Gräfin und Miss Sophie dem blonden Schauspieler gegeben haben, der – seit Miss Sophie mit ihm nach einer Premierefeier auf der Strasse noch kuriose Gespräche (O-Ton Miss Sophie) geführt hat – immer mal wieder ein Thema ist. Die Gräfin fand, dass er wie ein blonder Fuchs aussieht, daher der Spitzname. Endlich meldet sich auch Madame M.:

- Wo? -

Madame M. ist per SMS in der Regel kurz angebunden. Sie findet es sinnlos lange Geplänkel über Handy zu führen. Sie sagt dazu „Energieverschwendung“.

Ein Mann mit seltsam starrem Blick und Hochwasserhosen kommt auf Miss Sophie zu und setzt sich neben sie auf die Bank. Er sieht sie von der Seite an und sagt mit drohender Flüsterstimme:

Du. Bist. Schuld.

Miss Sophie steht von der Bank auf, packt ihre Tasche und schlendert so unbeeindruckt wie möglich Richtung Bahnhof Hardbrücke. Während sie geht, versucht sie eine Nachricht zu tippen:

- oben auf der hardbrücke. stadtauswärts. bringt kaffee mit. -

Madame M: - Ok. -

Die Gräfin: - Nein! Nicht schon wieder! Können wir nicht in ein anständiges Café? -

Madame M. und die Gräfin kennen und verabscheuen diese Marotte von Miss Sophie. Miss Sophie liebt es auf der Brüstung der Hardbrücke zu sitzen und auf die Geleise zu blicken. Sie sagt dazu „urbane Romantik“ und „Albernheiten sind etwas köstliches“ und ist nicht davon abzubringen.

Eine halbe Stunde später schwingt die Gräfin ihre Handtasche über die Brüstung, drückt Miss Sophie einen grossen Becher Kaffee in die Hand und schnalzt mit der Zunge. Madame M. setzt sich auf die andere Seite neben Miss Sophie und rümpft die Nase ab dem Morgenverkehr. Beide blicken Miss Sophie erwartungsvoll an: Erzähl schon!

Miss Sophie lächelt vielsagend und erzählt:

Ich war ja an dieser Party. Ihr wisst schon, die mit dem ganzen Ensemble des Neumarkttheaters. Dieser eine, der Dunkelhaarige hat mich eingeladen.

Madame M. nickt heftig: Ja, ja, ich weiss. Erzähl, was mit Reineke war!

Also, wir waren an dieser Party und da taucht der Reineke plötzlich auf. Es war schon ziemlich spät und ich hab mir eigentlich schon überlegt nach Hause zu gehen. Der Dunkelhaarige hat sich als ziemlicher Langweiler entpuppt. Der wollte ernsthaft mit mir über seine dritte Säule und so ein Scheiss reden. Nun gut. Der Reineke setzt sich also zu uns – es sind nicht mehr viele Gäste da – und findet dann, dass die Party nicht gerade der Kracher sei und er schlägt vor „Wahrheit oder Tat“ zu spielen. Ich bin natürlich Feuer und Flamme und wir überreden die anderen, dass sie mitspielen.

Die Gräfin und Madame M. sehen sich an und verdrehen die Augen. Miss Sophie lässt sich nicht beirren und erzählt weiter:

Wir spielen also „Wahrheit oder Tat“. Ihr kennt das ja, zuerst sind die Aufgaben und Fragen harmlos, werden dann aber immer versauter. Irgendwann fragt mich der Dunkelhaarige mit wem der Mitspieler ich am liebsten Sex haben würde. Ich blicke Reineke nicht an, als ich sage: Mit Reineke. Der Dunkelhaarige hätte wohl damit nicht gerechnet und ist ziemlich verlegen. Irgendwann ist Reineke an der Reihe und er sagt:

Miss Sophie. Wahrheit oder Tat.

Und ich sage: Tat.

Und er: Hab Sex mit mir. Jetzt. Oben.

Ich: Ok. Gehen wir.

Die Gräfin schlägt die flache Hand vor den Mund und sagt: Oh, mein Gott. Hast du das echt getan?

Madame M. kichert: Nicht wirklich, oder?

Miss Sophie grinst über beide Ohren, blickt die beiden Freundinnen an und sagt: Heiss, nicht?

WAS BISHER GESCHAH:

+ Asphaltblüten 4.Akt: Freierdörfli in Altstetten

+ Asphaltblüten 3.Akt: Ansprüche - was meinst du mit hohen Ansprüchen?!

+ Asphaltblüten, 2. Akt: Gemeinsam statt einsam in der Singlesaison

+ Asphaltblüten - Pilot: Madame M / Die Gräfin / Miss Sophie

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