Achtung! 1350 Tote im Buskonvoi

Ich zähle mich zu den Personen die gegenüber Werbung relativ immun geworden sind. Bei diesem Plakat im 32er war ich aber sehr erstaunt. Leider nicht ab der tragischen Meldung, vielmehr wegen dem Aufhänger.

Lean on Me:

Auf der Homepage beschreibt sich das Netzwerk als Anlaufstelle bei Depression und der Gefahr eines Selbstmordes. Die Seite möchte Information darüber vermitteln was die Anzeichen sind und wie den Betroffenen geholfen werden kann.

So weit so Gut, nur mich stört es, wenn ich im 32er Bus Werbung lese wie diese. Hier wird die Transportkapazität der VBZ als Vergleich genommen, um sich ein Bild davon zu machen wie es aussieht, wenn alle Suizidopfer eines Jahres hintereinander einen Konvoi bilden würden! Hallo?

Wo IST da der Zusammenhang?

Wer rechnen kann, erhält bei 9 Fahrzeugen à 150 Tote: 1350 Suizidofer im Jahr.

Das sind fast 4 Freitode am Tag!(tragisch)

Das sind 3 vollbesetzte Jumbojets!(makaber)

Das sind alle Zuschauer eines Superleagspieles...(unpassend)

Persönlich finde ich es schwierig Zahlen um jeden Preis in ein Verhältnis zu setzten. In diesem Fall finde ich den Vergleich schlecht und fehl am Platz!

Worte wie: "1350 Suizide im Jahr- schauen Sie nicht weg!" hätten mir persönlich den verdienten Respekt gegenüber den Opfern gezeigt.

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Bei LeanOnMe.net um eine Stellungsnahme angefragt, erhalte ich folgende Antwort vom Mutterunternehmen Lundbeck (Schweiz) AG :

"Gerne teilen wir mit Ihnen unsere Überlegungen zur Lean on Me Kampagne.

Lean on Me ist eine europaweite Initiative, die das öffentliche Bewusstsein für Depressionen und Suizid stärken will. Dazu benötigen wir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Diese erreichen wir durch die Dramatisierung der Zahl 1350 und einem leicht fassbaren Vergleich dieser hohen jährlichen Suizidrate in der Schweiz.

Den Benutzern des öffentlichen Verkehrs - in diesem Fall eines Buses - möchten wir in einer Alltagssituation auf eindrückliche Art und Weise aufzeigen, wie viel 150 Personen tatsächlich sind - nämlich ein vollbesetztes Tram, neunmal mehr begehen Suizid. Es geht darum die Menge jener Leute, die sich das Leben nehmen, erleb- und fassbar zu machen.

So möchten wir bei den Benutzern des öffentlichen Verkehrs eine Auseinandersetzung mit dem Thema anstossen und mit unserer Arbeit mithelfen, Suizide zu verhindern.

Freundliche Grüsse

Christoph Villiger Senior Product Manager

Lundbeck (Schweiz) AG"

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Vielen Dank für diese Stellungsnahme, trotzdem, für mich hinkt der Vergleich. Was denkt Ihr? Sind vollbesetzte Fahrzeuge die richtige Art um die jährliche Suizidrate in der Schweiz zu dramatisieren?

  • Sabeth Tödtli 06.6.2012 15.24 Uhr

    Ich sass schon ein paar mal im Tram genau vor dieser Werbung und hab mir die gleiche Frage gestellt:
    Was will mir das sagen? Was soll ich davon mitnehmen? Was hilft es, dass ich das jetzt weiss?
    Ich schaute mich im Tram um und dachte: du? ich? er? so viele? ... und jetzt?

    Danke für diesen Blog-Eintrag!

  • . Haemmerli 07.6.2012 00.25 Uhr

    Also ich finde diese Werbung gut. Erstens finde ich soziologische Fakten interessant. Wie etwa die Zahl der Suizide. Und dann hilft diese Form natürlich, dass man sich etwas drunter vorstellen kann. Und alleine der Umstand, dass es hier eine Blog & Kommentare gibt, ist eine Gütesiegel für diese Werbung. Aufmerksamkeit ist ein immer knapper werdendes Gut, sie zu erringen nicht einfach.
    Und was ich völlig verfehlt finde ist der Begriff Suizid-OPFER. Hallo, Suizid ist etwas was jemand selber und freiwillig macht. Nun gibt es einen Teil Leute, die das machen, weil sie gerade ein Depro und / oder eine tiefen Serotoninspiegel haben. Und die, wenns dann wieder besser geht, zB weil sie gerettet werden, doch noch nicht streben wollen. Es gibt aber auch den Suizid, den man bei klarem Verstand begeht, weil man genau das will. Dann ist man kein Opfer, ganz im Gegenteil, dann ist man ein freier Mensch, der über sich selber bestimmt. Das ist etwas was es zu vielen Zeiten und in vielen Kulturen gegeben hat und gibt. Ich betrachte das als eine grosse Freiheit und ein grosses Gut, wenn man sich nicht die Birne mit religiösem Summs so vollmachen lässt, dass man Angst davor hat, selber zu entscheiden, wann man genug hat. Und wann man gehen will.

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