Wollen wir Sexboxen? - Die Abstimmung

Zwei Brennpunkte von Zürich-West erhitzen die Gemüter: das Sorgenkind Sihlquai-Strich und die geplanten Sexboxen in Altstetten. Am 11. März 2012 entscheidet eine Abstimmung über das „Projekt Strichplatz Depotweg“.

Der Strassenstrich am Sihlquai; für manche der Ort, um Probleme zu vergessen, für andere der Ort, wo die Probleme erst beginnen. Lange haben sich genervte Anwohner, wütende Hausmeister und besorgte Politiker gegen ihn gewehrt. Zu laut sei er, zu schmutzig, unsicher und unhygienisch obendrein. 2011 hat der Stadtrat dann entschieden: Der Strich am Sihlquai muss weg, Alternativen müssen her. Für Polizeivorsteher Daniel Leupi war schnell klar: Sexboxen sollen’s sein. Was in Köln und Utrecht funktioniert, soll auch Zürich helfen. Funktionieren tun die Boxen, laut Stadt, wie „Autowaschanlagen“: Der Freier fährt mit seinem Auto in die Box, erhält dort den Service der Sexarbeiterin und fährt dann wieder hinaus. Aufgestellt werden sollen die Boxen auf einer Brache in Altstetten, zwischen Aargauer- und Bernerstrasse. Am 11. März 2012 entscheidet das Zürcher Stimmvolk, ob es den Kredit für den Strichplatz bewilligen will.

Während die Diskussionen um den Sihlquai-Strich etwas leiser wurden, hat das „Projekt Strichplatz Depotweg“ neue Debatten ausgelöst. Auf die Barrikaden ging unter anderem die SVP. Es könne nicht sein, dass Prostitution mit Steuergeldern unterstützt werde, argumentiert sie. Ausserdem sei das Projekt schlichtweg zu teuer (Objektkredit: 2 395 000 Franken, jährliche Miete: 92 480 Franken). Ebenfalls abgelehnt wird die Vorlage von der EVP.

Auch in der Bevölkerung wurden kritische Stimmen laut. So befürchtet etwa die Interessensgemeinschaft „Aargauerstrasse 180“ negative Auswirkungen des Milieus auf Liegenschaften und Umgebung. Bedenken gänzlich anderer Natur hat die Zürcher Frauenzentrale: Sie betrachtet Strassenprostitution generell als unwürdig.

Für die Vorlage sind SP, FDP, CVP und Grüne. Auch Fachleute bewerten das Projekt positiv. „Die Boxen sind ein gutes Mittel gegen Freiergewalt. Ausserdem stellt der Strichplatz den Frauen Infrastruktur und direkte Beratung zur Verfügung“, sagt Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ. Sie betont jedoch, dass der Strichplatz keine Massnahme gegen Frauenhandel darstellt.

Die Frauenberatung Flora Dora wird den geplanten Strichplatz vor Ort betreuen. Auch sie verspricht sich mehr Schutz für die Sexarbeiterinnen. Denn: Dank den Sexboxen müssen die Frauen mit ihren Freiern nicht mehr an entlegene Orte fahren. Dies verhindere Übergriffe auf Sexarbeiterinnen, ist die Beratungsstelle überzeugt. Ausserdem sorge die Polizei und die sip züri für zusätzliche Sicherheit auf dem Platz.

Ebenfalls überzeugt vom Projekt ist Milieu-Anwalt Valentin Landmann. Im Gegensatz zu den Gegnern der Vorlage sieht er das umliegende Quartier durch den Strichplatz nicht gefährdet: „Wenn der Freier weiss, wo genau die Frauen stehen, hat er keinen Grund fünfmal durch's Quartier zu fahren.“ Und: „Sexarbeiterinnen haben ein Interesse daran, dass ihren Gästen nichts passiert. Wenn ein Quartier als unsicher gilt, kommen auch die Gäste nicht mehr.“

Für Stimmfreigabe ist die AL. Sie befürchtet Repressionen gegen Sexarbeiterinnen, die nicht in den Sexboxen arbeiten wollen.

Zum Weiterlesen:

Interview mit Doro Winkler von der FIZ

Unterwegs mit Flora Dora

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